Heutzutage ist davon auszugehen, dass im Wirtschaftswesen des antiken Römischen Reiches Handel und Produktion  von vorwiegend landwirtschaftlichen und kleingewerblichen Produkten erfolgte.1 Dabei fanden in Städten, die sowohl als Produktionsstätten wie auch als Absatzmärkte dienten, unterschiedliche wirtschaftliche Abläufe statt. In großen Städten existierte nicht nur ein Lokalhandel, bei dem Güter nur für den stadtinternen Gebrauch hergestellt wurden, sondern es gab darüber hinaus einen überregionalen Handel durch Händler und Familienunternehmen, die hergestellte Waren per Schiff oder über Land in andere Regionen des Reiches exportierten. Amphorenfunde geben einen Einblick, welche Handelswege Waren im Römischen Reich durchliefen, bevor sie zu ihrem Zielort gelangten.2 Berühmte Qualitätsprodukte wie Wein oder die garum – die Fischsauce Pompejis – machten einzelne Städte und Regionen über das Reich hinweg bekannt. Die städtischen Händler standen unter großem Konkurrenzdruck, denn man konnte in den Hafenstädten Waren wie Hülsenfrüchte, Gemüse, Olivenöl, Obst, Fleisch und Fisch entweder von den lokalen Produzenten, bei Händlern aus dem Hinterland oder bei Überseehändlern kaufen.

Durch die enorme Ausweitung des Römischen Reiches ab dem 2 Jhr. v. Chr., der hohen Nachfrage nach Waren und Luxusgütern, sowie der zunehmenden Bautätigkeit des Imperiums vergrößerten sich die Absatzmärkte und die städtische Bevölkerung wuchs.  Das hatte wiederum Auswirkungen auf die Landwirtschaft, die im städtischen Umkreis verstärkt landwirtschaftliche Güter und Grundnahrungsmittel für die Städte produzierte.3 Es kam in den beiden nachchristlichen Jahrhunderten zu einer außerordentlichen Wachstumsphase in der Agrarwirtschaft. Die Landwirtschaft wurde zur Grundlage der römischen Wirtschaft. Um der großen Nachfrage an Gütern gerecht zu werden, wurden unfruchtbare Landflächen in Bewässerungsland umgewandelt, Gebirgsgegenden wurden terrassiert und Regionen wie die Vesuvgegend in Kampanien wurden mit landwirtschaftlichen Anwesen dicht besiedelt. Die Landwirtschaft stellte in der Vesuvgegend die wichtigste Erwerbsquelle dar. Vor den Städten Herkulaneum und Pompeji gab es Landhäuser villa urbanae, die für vorübergehende Besuche der Besitzer genutzt wurden und Bauernhäuser villa rusticae, wo Wein, Oliven, Getreide, Obst, Kohl, Hanf und Mandeln angebaut wurden.4 Besonders der Weinanbau war ein wesentlicher Bestandteil der Agrarwirtschaft5 und bildete in Kampanien einen wichtigen Wirtschaftszweig: Pompeji war berühmt für seinen Wein. Im Römischen Reich gab es viele villa rusticae, die meist mit einer durchschnittlichen Größe von zwanzig Hektar auf Obstanbau spezialisiert waren und wo Süßkirschen, Schlehdorn und Pfirsiche angebaut wurden. Vorraussetzung für die Ansiedlung von villa rusticae waren Absatzmärkte in der nahen Umgebung wie eine Stadt oder ein Militärlager.6 Außerdem gab es die expandierenden Großgrundbesitztümer, die tausende Hektar Land umfassten und auf denen Viehzucht und Weidewirtschaft betrieben wurden.

Die Wirtschaft des antiken Kampaniens

Das antike Kampanien im römischen Reich hatte eine prosperierende Wirtschaft. Es bestanden rege Handelsverbindungen zwischen dem Umland einer Stadt und der ländlichen Umgebung, bei der Waren importiert und exportiert wurden. Auch Pompeji und die umliegenden ländlichen Gebiete Pompejis standen in einer solchen Produzenten/Konsumentenverbindung. Es schließt sich, ausgehend von dem wirtschaftlichen Geschehen im Umfeld Pompejis, die Frage an, ob sich die Handelsverbindungen von der Vesuvgegend und der Stadt Pompeji durch Quellen belegen lassen und ob es sich bei Pompeji tatsächlich um einen lukrativen Absatzmarkt für das ländliche Gewerbe in der Vesuvgegend handelte.

Man kann dem Graffiti CIL IV 8863 7 entnehmen, dass in Pompeji regelmäßig ein Markt stattfand, auf dem vermutlich Waren gehandelt wurden. Es ist wichtig, diese Informationen der Inschrift in Verbindung mit anderen Inschriften zu bewerten, um genauer herauszufinden, welche Waren in Pompeji auf dem Markt angeboten wurden.8 Die Inschrift CIL IV 5380 wurde im atrium IX.vii.24-5 gefunden und aus ihr lässt sich eine Liste von zu kaufenden Lebensmitteln entnehmen. Diese Liste wurde mitten in Pompeji gefunden, so dass man davon ausgehen kann, dass diese Inschrift sich auf Pompeji bezieht und einen Einblick in die Auswahl der in Pompeji angebotenen Waren überliefert. Eine  Überprüfung dieser Angaben erfolgt durch das Hinzuziehen einer weiteren Quelle, wie die Inschrift CIL IV 85619, in der ungefähre Preise für Waren wie Wein, Käse, Öl und Brot in Pompeji angegeben werden. Gehandelt wurde in Pompeji vor allem im Geschäftszentrum macellum, das auf einem großen Platz mit vielen Ständen, Wechselstuben, Tempeln und Auktionsgebäuden beim Forum lag.10

Die tatsächlichen Handelsverbindungen von der Stadt Pompeji zur umliegenden Region sowie die überregionalen Handelswege werden weniger durch literarische Quellen überliefert als vielmehr durch archäologische Funde wie Amphoren, Inschriften und Mosaiken.11 Diese dokumentieren die ungefähren Mengen an Waren, die nach Pompeji importiert wurden und beschreiben detailliert den Bedarf und das Konsumverhalten der Pompejaner.12 Um dies zu veranschaulichen, kann es nützlich sein, Pompejis Handel mit Wein genauer zu untersuchen. In Pompeji gab es, laut der Quellen, einen Eigenbedarf für Wein, der den Import von Weinen aus anderen Regionen notwendig machte. Man kann den Tavernen-Inschriften CIL IV 1679 und CIL IV 1292 13 entnehmen, dass in Pompeji Wein konsumiert wurde, der aus unterschiedlichen Regionen stammte: “Hedone says, You can drink here for one as, if you give two, you will drink better; if you give four, you will drink Falernian.“ (CIL IV 1679) Einige der in Pompeji gefundenen Weinamphoren stammen aus weiter entfernten Regionen wie Setia, das 40 km entfernt von Rom lag: „Another cup of Setinan (wine).“ (CIL IV 1292). Andere Funde von Weinamphoren stammen laut der Aufschriften aus der umliegenden Gegend von Pompeji. Obwohl bei weiteren Ausgrabungen in Pompeji Weinberge gefunden wurden, kann man nicht von einer Weinproduktion innerhalb  Pompejis sprechen.14 Es gab also in der umliegenden Gegend von Pompeji ein Weingewerbe, welches verschiedene Weine von bester Qualität hervorbrachte und an die Handelsmetropole Pompeji angebunden war, so dass der Wein auf dem Markt oder per Schiff vertrieben werden konnte.

Um Aussagen wie die in der in Pompeji gefundenen Inschrift CIL IV 831: „Für Faulenzer ist hier kein Platz! Hinweg, Müßiggänger!“ 15 einordnen zu können, muss man anerkennen, dass Pompeji sowohl eine Konsumenten- als auch eine Produzentenstadt war. Pompejis Stadtbevölkerung war „von der Zufuhr von Waren und Lebensmitteln aus dem Umland Pompejis“16 abhängig. Dennoch wurde in Pompeji, besonders im handwerklichen Gewerbe über den städtischen Eigenbedarf hinaus produziert. Das Vorhandensein von Gewerbe in Pompeji lässt sich durch die Funde von tabernae belegen. Die genaueren Inhalte des Gewerbes lassen sich unter anderem durch pompejanische Inschriften nachvollziehen: „A. Clodius Flaccus, Sohn des Aulusm und N. Arcaeus Arellianus Caledus […] haben […] die Maße angleichen lassen“17 (CIL X 793). Diese Inschrift beinhaltet einen Auftrag der zwei Mitglieder der Holconii Familie und dokumentiert den Umbau eines Eichtisches und die dafür getätigten Restaurationsarbeiten.18 Desweiteren verewigten sich Handwerker in ihren Bauwerken, was Inschriften belegen: CIL X 841: „M. Artorius Primus, Freigelassener des Marcus, Architekt.“ und CIL X 86819: „ Diogenes, Maurer.“ Die wesentliche städtische Produktion von Waren und Gütern fand in den tabernae (ca. 650)20 in Pompeji statt.21 Diese tabernae waren Läden, Warenlager und Werkstätten, die meist im Erdgeschoss von Mietshäusern gelegen waren. Produziert wurden in den städtischen tabernae Pompejis laut archäologischen Funden unter anderem Parfüme, Ölpressen aus Vulkanstein, die berühmte Fischsauce garum sowie Handwerksgeräte und Haushaltswaren. 22 Meist wurden diese städtischen Gewerbe von Familien geführt, die zusätzlich freie Arbeiter und Sklaven beschäftigten.

Schlussfolgernd lässt sich festhalten, dass im antiken Pompeji ein eigenständiges Gewerbe bestand, dass einerseits die städtischen Märkte mit Waren versorgten, aber andererseits gab es auch viele Güter wie z. B. Wein, die aus der umliegenden Region und aus Kampanien importiert wurden. Die damals existierenden Handelsbeziehungen vom Umland Pompejis zur Stadt Pompeji lassen sich, aus unserer heutigen Sicht mit am Besten am Beispiel des Weingewerbes aufzeigen.

 

 

Empfohlene Zitierweise: Blümel, Jonathan (2009): Das antike Pompeji und seine Umgebung: Eine Produzenten/Konsumentenverbindung. In: JBSHistoryBlog.de. URL: http://jbshistoryblog.de [Zugriff: DD:MM:YYYY]

 


Bibliographie:

 

  1. Vgl. Drexhage, H-J ; Konen, H. ; Ruffing, K.: Die Wirtschaft des Römischen Reiches (1.-3. Jahrhundert) : eine Einführung. Berlin 2002. S. 122.
  2. vgl. Schneider, H. in: Gehrke, H.-J./Schneider, H. (Eds.): Geschichte der Antike. Ein Studienbuch. 2. erweiterte Auflage, Stuttgart/Weimar 2006. S. 129.
  3. Vgl.  Schneider  2006.S. 313.
  4. Grant, M.: Pompeji, Herculaneum. Untergang und Auferstehung der Städte am Vesuv. Bergisch Gladbach 1978. S. 191-192.
  5. Vgl. Plin. nat. 14 und 17
  6. Vgl. Drexhage 2002. S. 77.
  7. Vgl. Cooley, A.E./Cooley, M.G.L. (Eds.): Pompeii : a sourcebook. London 2004. S. 160.
  8. Vgl. Krenkel, W.: Pompejanische Inschriften, Leipzig 1966. S. 55.
  9. Siehe Cooley 2004. S. 164.
  10. Vgl. Grant, M.: Pompeji, Herculaneum. Untergang und Auferstehung der Städte am Vesuv. Bergisch Gladbach 1978. S. 199.
  11. Vgl. Cooley 2004. S. 160.
  12. Vgl. CIL 5380 in Cooley S. 163.
  13. Siehe Cooley 2004. S. 161.
  14. Siehe Cooley  2004. S. 160/161.
  15. Siehe Krenkel 1966. S. 36.
  16. Siehe Dickmann, J-A.: Pompeji : Archäologie und Geschichte. München 2005. S. 78.
  17. Siehe Krenkel 1966. S. 30.
  18. Siehe Krenkel 1966. S. 30.
  19. Siehe Krenkel 1966. S. 30.
  20. Drexhage 2006. S. 101.
  21. gl. Dickmann S. 78. / Pirson, F.: Mietwohnungen in Pompeji und Herkulaneum : Untersuchungen zur Architektur, zum Wohnen und zur Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Vesuvstädte. München 1999. S. 165.
  22. Vgl. Dickmann S. 81-83/Pirson S. 168.
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