Sapientia aedificabitur domus et prudentia roborabitur (Durch Weisheit wird ein Haus gebaut und durch Verstand erhalten)

Auch noch in heutiger Zeit kann die Wirtschaft des Römischen Reiches durch seine Größe, die Dauer seiner Existenz und die Vielzahl der einzelnen Wirtschaftszweige beeindrucken. Um einen genaueren Einblick in die Wirtschaft des Römischen Reiches zu erhalten, ist es notwendig repräsentative Beispiele zu untersuchen und mit ihnen einen Eindruck vom möglichen Gesamtbild der Wirtschaft des Römischen Reiches zu gewinnen. Eine wichtige Gemeinsamkeit der wirtschaftlichen Aktivität von Pompeji und Herkulaneum zur Zeit des Römischen Reiches, war die Tatsache, dass es eine stetig wachsende Anzahl von vermietbaren domus, tabernae und cenacula gab, die von Großgrundbesitzern an Kaufmannsleute, Familien und Handwerker verpachtet wurden.1 Möchte man die Immobilienwirtschaft der beiden Städte näher untersuchen, muss man die dort gefundenen Inschriften und archöäologischen Funde einmal näher betrachten.

Bei der gefundenen Inschrift: CIL IV 11362 wird eine Mietanzeige der Iulia Felix aus Pompeji dargestellt. Es lässt sich der Quelle entnehmen, dass Iulia Felix ihre Immobilien vermieten wollte. In diesem Fall handelte es sich neben einem Bad auch um Läden, die von dem Pächter für gewerbliche oder private Zwecke genutzt werden konnten. Drexhage 3 vermutet, dass Iulia Felix sich – ausgelöst durch die Wirtschaftskrise nach dem Erdbeben ab 62 n. Chr. – zur Vermietung ihrer Besitztümer entschloss. Um die näheren Hintergründe und Absichten der Verpachtung durch die Großgrundbesitzer und Verpächter zu untersuchen, sollte man zusätzlich andere Quellen betrachten: „Alle Handwerker betätigen sich einer schmutzigen Kunst. Denn eine Werkstatt kann nichts Freies haben…Der Handel aber hat, wofern er klein ist, als schmutzig zu gelten.“4 Man kann der Quelle eine ablehnende Haltung Ciceros gegenüber der Gewerbeform der tabernae entnehmen. Ciceros Absichten spiegeln sich in der Rolle als Großgrundbesitzer wieder, der abwertend als Verpächter dem Kleingewerbe keine Freiheit eingesteht, sondern der wahrscheinlich über die Pächter verfügen wollte.

Häuser domus in denen die Werkstätten tabernae integriert waren, stellten für Handwerker und Gewerbeleute Wohnstätte und Arbeitsplatz zugleich dar. Zunächst fand man diese Art des Kleingewerbes nur in ländlichen Regionen, doch die wachsende Zahl an vermietbaren tabernae in Pompeji ab dem 2 Jhr. v. Chr.5, machen deutlich, dass Kleingewerbe sich auch problemlos in den städtischen Kontext einfügen ließ. Großgrundbesitzer aus der Oberschicht wie z.B. Cicero verpachteten die domus mit der Produktionsausstattung an Handwerker und bekamen dafür Anteile vom erwirtschafteten Gewinn.

Pirson erwähnt, dass bei Verpächtern wie Cicero die „ökonomische Basis in erster Linie der Großgrundbesitz war.“6 Eine Inschrift wie: „Profit ist Freude“7 scheint die vorherrschende Denkweise in Pompeji auszudrücken. „Schmutzig“ sollte dieses Gewerbe sein, bei dem die Verpächter an den Gewinnen des Kleingewerbes verdienten, da die Pächter an sie eine Pacht entrichten mussten. Als weitere wichtige Beweggründe für die Vermietung von domus kamen sozial-politische Absichten der Großgrundbesitzer hinzu, die sich, durch den Besitz und die Verpachtung von Läden, eine große Gefolgschaft in der Bevölkerung anzusammeln erhofften, um damit den Einfluss auf das gesellschaftliche und politische Geschehen einer Stadt zu vermehren.8 Heutzutage spricht Pirson hierbei von „ökonomischer Potenz“9. Dabei führte der wachsende Wohlstand dazu, dass Besitztümer wie z.B. Immobilien zu Statussymbolen wurden, die für die Römer politischen Einfluss, Prestige und Machtansprüche verkörperten.

Es muss an dieser Stelle überprüft werden, inwiefern sich diese Abläufe wirtschaftlichen Geschehens auf Herkulaneum übertragen lassen. Dazu soll das Casa dell`Abergo Insula III Nr. 19 aus Herkulaneum näher betrachtet werden. Der Leiter der Ausgrabungen Amedeo Maiuri sieht in der Casa dell`Albergo die „größte und vielleicht reichste Wohnung des ganzen südlichen Stadtviertels“.10 Zu der Wohnung gehörte eine große Gartenanlage sowie eine Terrasse; von der Südseite hatte man einen guten Ausblick zur Küste. Gewisse Umgestaltungen und Veränderungen in der räumlichen Aufteilung, wie zum Beispiel, dass ein Saal der casa in Läden umgebaut wurde und dass fabrikähnliche Merkmale in der casa anstatt des zu erwartenden typischen Villentyps zu finden sind, lassen Maiuri schlussfolgern: „Es ist also auch in Herculaneum ebenso wie in Pompeji, dass der Kaufmannsstand allmählich hochkommt, und dass es ihm schließlich gelingt sich in den reichsten Stadtwohnungen an die Stelle des alten verarmten Patrizierstandes einzudrängen.“11 Diese Ansicht von der Vermietung von Immobilien beschreibt eine andere Sichtweise als die Pirsons, insofern als dass Maiuri die Schicht der Kaufmannsleute gegenüber den Patriziern als überlegen und moderner ansieht. Genaue Gründe für eine Verarmung des Patrizierstandes nennt Maiuri nicht. Vermutlich könnte es zu einem Einbruch der kampanischen Wirtschaft durch das Erdbeben 62 n. Chr. gekommen sein.

Einerseits besaßen die Großgrundbesitzer städtische domus und tabernae, mit denen sie ihre Machtposition und ihren gesellschaftlichen Einfluss deutlich machten. Andererseits hatten sie als eigene Lebensstätten sehr prunkvolle Villen, welche eine weitere wichtige Form der von Pirson beschriebenen ökonomischen Potenz darstellte und ebenso wie die städtischen verpachteten tabernae das Streben nach Ansehen und Prestige der römischen Oberschicht widerspiegelt. Auf der einen Seite lässt sich das Beispiel der Villa dei Papyri aus dem Nordwesten Herkulaneums anführen, die laut Capasso perfekt für die römische Aristokratie war,12 weil neben prunkvoller Ausstattung eine riesige Bibliothek gefunden wurde, die als ein Statussymbol für die intellektuelle aristokratische Oberschicht galt.

Auf der anderen Seite lässt sich in Pompeji das Beispiel der Casa del Fauno hervorheben, die als Stadthaus mit kostbaren Mosaiken verzierte Wohnräume und eine üppige Gartenanlage aufwies. Besonders hervorzuheben waren bei den insgesamt 3200 qm² Grundfläche die tabernae, die wiederum an vermietbare Wohnräume angeschlossen waren. Man kann dies als ein klassisches Beispiel für die ökonomische Potenz nach Pirson anführen und somit sehen, wie diese in einer Stadt offen ausgelebt wurde:

„Von den Eliten der Städte wurde öffentliche Präsenz erwartet. Das galt auch für ihre Häuser, deren Fassaden im Stadtbild nach Möglichkeit Akzente setzten. Nicht nur die Breite der Hausfront entlang der Straßen auch die verwendeten Baumaterialien und der Fassadenschmuck in Form von Kapitellen und Wandvorlagen (Lisenen) hoben die Anwesen aus der umliegenden Bebauung heraus.“13

Somit waren mit dem Besitz von villae, domus und tabernae in Herkulaneum und Pompeji vor allem wirtschaftlicher Profit und eine Einflussnahme im sozial-politischen Bereich verbunden. Das Prestige und die gesellschaftliche Macht, die ein Großgrundbesitzer durch seine vermieteten Immobilien erlangte, ließ diese Branche auch in Kampanien deutlich wachsen. Zudem gab es besonders in Herkulaneum, aber auch in Pompeji, prunkvolle Villen, die reich verziert und üppig ausgestattet waren und als ein weiteres Symbol der vorherrschenden Stellung der römischen Aristokratie den politischen und gesellschaftlichen Einfluss der Villenbesitzer untermauern sollten. Inwiefern sich diese Motive der Immobilienbesitzer auf andere Teile des Römischen Reiches übertragen lassen, muss an anderer Stelle beantwortet werden.

Empfohlene Zitierweise: Blümel, Jonathan (2009): Immobilien im antiken Pompeji und Herkulaneum. In: JBSHistoryBlog.de. URL: http://jbshistoryblog.de [Zugriff: DD:MM:YYYY]

 


Bibliographie:

 

 

 

  1. Vgl. Pirson, F.: Mietwohnungen in Pompeji und Herkulaneum : Untersuchungen zur Architektur, zum Wohnen und zur Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Vesuvstädte. München 1999. S. 165- 175.
  2. Siehe Drexhage, H-J ; Konen, H. ; Ruffing, K.: Die Wirtschaft des Römischen Reiches (1.-3. Jahrhundert) : eine Einführung. Berlin 2002. S. 255.
  3. Siehe Drexhage 2002. S. 256.
  4. Siehe Cic. Off. 1,150f übers. v. Büchner, K. in Pirson S. 167.
  5. Pirson, F.: Mietwohnungen in Pompeji und Herkulaneum : Untersuchungen zur Architektur, zum Wohnen und zur Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Vesuvstädte. München 1999. S. 169.
  6. Siehe Pirson 1999. S.167.
  7. Vgl. CIL X 875. Übers. aus: Krenkel, W.: Pompejanische Inschriften, Leipzig 1966. S. 36.
  8. Vgl. Pirson 1999. S. 167.
  9. Siehe Pirson 1999. S. 174.
  10. Siehe Maiuri, A.: Herculaneum, Rom. 1936. S. 27.
  11. Maiuri 1936. S. 28.
  12. Vgl. Capasso, G: Herculaneum AD 79: passegiate virtuali nella città perduta, Neapel 2008. S. 8ff.
  13. Siehe Dickmann, J-A.: Pompeji : Archäologie und Geschichte. München 2005. S. 96ff.
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