Der ehemalige Großwesir und Innenminister im Osmanischen Reich, Talaat Pasha, wurde 1921 in Berlin mit mehreren Schüssen ermordet. Sein Mörder war der armenische Student Soghomon Tehlirian. Dies war im Grunde genommen nur eine kleine Episode in der armenischen Tragödie, dennoch hat sie ohne Zweifel Vieles bewirkt.

Soghomon Tehlirian, der von Heinrich Vierbücher als der armenische Tell beschrieben wird1, hat als Einziger in seiner Familie das Blutbad von 1915 im Osmanischen Reich überlebt.
Tehlirian hatte beim Anschlag auf sein Dorf einen betäubenden Schlag auf den Kopf bekommen und wurde fälschlicherweise von den Soldaten für tot erklärt, er überlebte jedoch schwer verletzt.
Laut eigener Aussage Tehlirians  lag er zwei Tage lang unter der Leiche seines Bruders und hörte neben an die Schreie seiner Schwestern die von jungtürkischen Soldaten vergewaltigt wurden. Der Befehlshaber für diese und ähnliche Taten war – Talaat Pasha, einen der einflussreichsten Jungtürken und maßgebender Staatsmann des Osmanischen Reiches im Ersten Weltkrieg. Bis heute gilt Pasha als einer der Hauptschuldigen am Armenischen Genozid.2

Tehlirian kam einige Jahre nach dem Völkermord zurück in sein Heimatdorf und sah nichts mehr als Trümmer. Von 20.000 Armeniern überlebten aus seiner Provinz Erzincan nur wenige Familien das Massaker von 1915.
Wie sehr Tehlirian verzweifelt war, sieht man an der Tatsache, dass er Talaat Pasha  am hellen Tage in Charlottenburg, Berlin umbrachte. Über Zeugen machte er sich anscheinend keine Gedanken und auch, dass die Menschenmenge ihn nach dem Mord blutig geschlagen hat, schien ihm gleichgültig zu sein, gewehrt hat er sich nicht.

Kurze Zeit später wurde er vor das Berliner Gericht gestellt. Seine Verteidigung übernahmen keine geringeren als die Anwälte und Völkerrechtslehrer Dr. Kurt Niemeyer, Dr. Johannes Werthauer und Dr. Adolf von Gordon.
Dass es Mord war, versuchte keiner seiner Verteidiger zu leugnen. Angehört wurden ein armenischer Bischof, eine armenische Frau und natürlich Tehilirian selbst. Die Verteidiger kämpften für das Leben ihres Mandanten. Nach zweitägiger Verhandlung wurde  Soghomon Tehlirian freigesprochen.  Zwar hatte man als Urteilsbegründung „temporäre Schuldunfähigkeit“ genannt, aber eigentlich hielt die Jury paradoxerweise nicht Tehlirian des Mordes an Pasha für schuldig, sondern den Ermordeten selbst.3

Das Attentat war der Anfang von vielen  Anschlägen auf türkische Politiker, die für den Genozid verantwortlich gemacht wurden. Operation Nemesis, hieß die geheime Organisation, die noch weitere fragwürdige Racheakte verübte.

Aber auch auf andere geschichtliche Entwicklungen hatte der Prozess großen Einfluss. Für den jüdisch-polnischen Juristen Rafael Lemkin war es die Inspiration, eine Konvention zu verfassen, die sich überhaupt mit dem Thema Genozid beschäftigt. Lemkin nämlich, konnte es nicht verstehen, dass es juristisch möglich war einen Mann für einen Mord anzuklagen, es aber unmöglich war, einen Mann für den Mord an einem ganzen Volk zu verurteilen.  1948 hatten die Vereinten Nationen die Convention on the Prevention and Punishment of the Crime of Genocide beschlossen, welches Lemkin maßgeblich mit verfasst hatte.4 Damit wurde Völkermord endlich rechtlich als Straftatbestand anerkannt.

Was aber ist mit Armenien?

Das Gericht in Berlin konnte 1921 die Tat Tehlirians nachvollziehen. Er stand vor Gericht und war im Grunde genommen Angeklagter und Ankläger zugleich. Stand aber wirklich nur er im Gerichtsaal? Nein. „da stand mehr als nur der schmächtige und sicherlich unbedeutende junge Armenier; da stand ein ganzes gemordetes Volk (…) da standen die Schatten von mehr als einer Million ermordeter Männer, Frauen und Kinder. Und sie erhoben Klage gegen die Schmach des Vergessens.“ 5

Nur leider ist genau das eingetreten. Der Völkermord wurde „vergessen“. Ein wirklicher Prozess folgte bis heute nicht. Auf internationaler Ebene wurde nichts getan. Die heutige Türkei sieht es nicht als geplanten Völkermord an, sondern nur als „tragische Kriegsereignisse“. Jegliche Versuche, diesen Tatbestand zu ändern, werden von der Türkei hart bestraft. Die armenische Tragödie geht weiter.

 

Empfohlene Zitierweise: Goździelewska, Agnieszka (2009): Armenien und die Schmach des Vergessens. In: JBSHistoryBlog.de. URL: http://jbshistoryblog.de [Zugriff: DD:MM:YYYY]

 

Weiterführende Literatur zum Thema Armenischer Völkermord:

Wolfgang Gust: Der Völkermord an den Armeniern 1915/16. Dokumente aus dem Politischen Archiv des deutschen  Auswärtigen Amts.  Springe 2005.
Taner Akçam: Armenien und der Völkermord. Die Istanbuler Prozesse und die türkische Nationalbewegung. Hamburg 2004.
Jörg Berlin; Adrian Klenner: Völkermord oder Umsiedlung? Das Schicksal der Armenier im Osmanischen Reich. Köln 2006.


Bibliographie:

  1. Heinrich Vierbücher Armenien 1915, Donat Verlag, Bremen 2004, S. 10.
  2. Vgl. Jakob Künzler Im Lande des Blutes und der Tränen, Chronos Verlag, Zürich 1999.
  3. Der Verhandlungsablauf ist einsehbar auf http://www.armeniapedia.org/index.php?title=Trial_of_Soghoman_Tehlirian
  4. Ganze Konvention einsehbar auf der Internetseite der Vereinigten Nationen http://www.un.org/millennium/law/iv-1.htm
  5. Heinrich Vierbücher Armenien 1915, Donat Verlag, Bremen 2004, S. 11.
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