Posted by: JBluemel in Azteken, Azteken, Mittelalter, Neuzeit Add comments

Mexico: Zwei uneinige Teile bilden eine Einheit

Wenn man sich die Geschichte und die geographische Verortung Tenochtitláns genauer anschaut, könnte man meinen, dass auf der Insel im Texcocosee zwei Städte angesiedelt waren: Tenochtitlán und das nördliche Tlatelolco. Das zeitweise zwölf Quadratkilometer große Tenochtitlán1 wird häufig auch als Zwillingsstadt bezeichnet, da es seit jeher aus zwei Teilen bestand. Doch nur beide Teile zusammen erhielten den einheitlichen Namen: Mexico.2 Bezeichnend war jedoch für das Verhältnis der beiden Teile ein andauernder Zwist, der sich zeitweise sogar in kriegerischen Auseinandersetzungen entlud. Schon damals stritten die Méxica, welcher von beiden Teilen zuerst existierte. Auf der einen Seite war Tlatelolco stets als ein mächtiges Handelszentrum auf der Insel bekannt. Es hatte einen riesigen Marktplatz, der ein Fassungsvermögen von 60.000 Leuten hatte.3 Der spanische Eroberer Cortés erwähnte diesen Marktplatz in einem Schreiben an den spanischen König:

„Es gibt noch einen anderen Platz, doppelt so groß wie die Stadt Salamanca, ganz umgeben von Säulenhallen, wo tagtäglich mehr als 60000 Menschen zum Handel zusammenkommen. Dort gibt es alle Arten von Waren, die man im ganzen Land finden kann.“4

Auf der anderen Seite bot die Warenvielfalt und der Wohlstand und Luxus in Tlatelolco viel Anreiz für ausgelassene Trinkgelage.5 Vermutlich gab es schon damals ernsthafte Probleme mit berauschenden Getränken und deren Konsum.6 Diese Trinkgelage in Tlatelolco versuchte man von Tenochtitlán per Gesetz zu unterbinden. Dies wurde jedoch des Öfteren in Tlatelolco missachtet, was große Spannungen und sogar Feindschaft zwischen beiden Städten verursachte. Ein sehr spezielles Wohnviertel von Tlatelolco war das Viertel der „pochteca“, die versteckt hinter hohen Mauern und in äußerlich schmucklosen und niedrigen Gebäuden lebten. Die pochteca waren keine Adligen, sondern geheimnisvolle Karawanenführer und Spione des Königs, die den Dschungel durchquerten um mit den Mayas und den feindlichen Tarasken im Westen zu handeln.7 Sie galten als äußerst autonom und sehr reich. Man vermutet, dass sie reicher waren als die Adligen in Tenochtitlán.

 Der Azektische Dreibund (Codex Osuna, 1565)

Der Azektische Dreibund (Codex Osuna, 1565)

Tenochtitlán unterschied sich davon in vielerlei Hinsicht. Im Mittelpunkt des öffentlichen Geschehens standen die Politik und die Religion. Tenochtitlán hatte im Gegensatz zu dem großen Markt und den Handelsplätzen seines ungeliebten Nachbarn Tlatelolco unzählige Handwerksviertel und es waren innerhalb der Stadt viele landwirtschaftliche Betriebe und Felder vorzufinden.8 In Tenochtitlán lebten viele verschiedene gesellschaftliche Gruppierungen: Sklaven, Prostituierte, Händler, Adlige, Priester, Beamte, Bauern, Handwerker und königliche Berater: die pipilitin. Sie besaßen Ländereien und waren Großgrundbesitzer. Etwas ganz Besonderes im Leben in Tenochtitlán waren die zahlreichen religiösen Feiern und politischen Zeremonien, die abgehalten wurden. Denn schon ab 1345 wurde Tenochtitlán – das am  Höhepunkt der Stadtgeschichte etwa 150.000-300.000 Einwohner9 hatte – zur Hauptstadt des Reiches der Méxica und damit auch zum Hauptzentrum des politischen Geschehens erklärt.10 Damit übte die riesige Stadt auch eine gewisse Hegemonie aus und war die führende dominierende Antriebskraft des „Tenocha Imperiums“ das auch „Aztekischer Dreibund“ genannt wurde. Dieser Dreibund bestand aus Tenochtitlán  im Süden, Texcoco im Nordosten und Tlacopan im Westen.11 Der König von Tenochtitlán regierte über das „Colhua – Méxica - Königreich12,das mit seinen zehn Millionen Einwohnern, neben den im erwähnten Dreibund gleichgestellten Bündnispartnern, viele unterworfene Provinzen enthielt.13 Diese achtunddreißig Tributprovinzen mussten zu regelmäßigen Terminen exakt festgelegte Mengen bestimmter Waren wie Nahrungsmittel, Rohmaterialien, Luxus- und Verbrauchsgüter an Tenochtitlán liefern. 14 Für die pünktliche Eintreibung dieser Tribute waren die gefürchteten und äußerst mächtigen Steuereintreiber calpixque zuständig.15 Eine Verweigerung der Zahlungen aus den Provinzen bedeutete die Auflehnung eines Stadtstaates gegen Tenochtitlán, woraufhin die Méxica meist mit militärischen Mitteln reagierten. Einen wesentlichen Teil der Tributzahlungen verwendeten die Herrscher Tenochtitláns für den Unterhalt des Herrscherhauses, für die Staatsverwaltung und als Sold für Amtsträger des Staates.

Religiöses Leben, Wohnen und Handeln in Tenochtitlán

Rekonstruktion des Templo Mayor in Tenochtitlan

Doch neben der Politik und Verwaltung des Reiches spielte in Tenochtitlán ebenso die Abhaltung von religiösen Feiern eine immens wichtige Rolle. Die Huldigung der zahlreichen Götter, insbesondere des Kriegsgotts Huitzilopochtli, spiegelte sich in zahlreichen Opferzeremonien wieder, in denen tausende Menschen geopfert wurden. Clendinnen spricht hierbei von „killing festivals“16, die vermutlich vor allem im Kern der Stadt – im Zeremonienzentrum stattfanden. Die ausgeprägte Ausübung religiöser Praktiken und eines streng religiösen Lebens waren in Tenochtitlán etwas ganz Natürliches. Zudem ließ sich die Religiosität auch am Stadtbild Tenochtitláns erkennen: Über die Stadt waren hunderte pyramidenartiger Tempel verteilt, die auf künstlichen Hügeln angelegt waren. Das massive, zentrale Tempelheiligtum – die Doppelpyramide „Templo Mayor“ – überragte jedoch die umliegenden Gebäude. Dieses Heiligtum war “dem Regengott Tlaloc und dem mexikanischen Stammesgott Huitzilopochtli gewidmet.”17 Durch die Größe des Heiligtums mit seinen steil ansteigenden Stufen, die von Menschenblut dunkel gefärbt waren, war der „Templo Mayor“ kilometerweit zusehen. Eben dieses riesige Heiligtum befand sich im Kern der Stadt: dem Zeremonienzentrum, das als Herzstück der Stadt aus einem rechteckigen Platz bestand, und auf dem sich die wichtigsten Gebäude sowie der Ballspielplatz befanden. Der rechteckige Ballspielplatz muss für die Méxica eine besondere Rolle gespielt haben: “Dem Ballspiel wurde eine symbolische Beziehung zu kosmischen Vorgängen beigemessen.”18 Das Zeremonienzentrum wurde umgeben von unzähligen Wohnsiedlungen. Innerhalb der Wohngebiete befanden sich wiederum zahlreiche Tempel, Paläste, Höfe und offene Plätze, wo öffentliche Veranstaltungen und Märkte abgehalten wurden.

Tenochtitlán wurde durch zwei große Hauptstraßen in vier Viertel – gemäß den verschiedenen Berufsklassen – aufgeteilt.19 Es gab vor der Eroberung durch die Spanier vier Stadtteile in Tenochtitlán, die flächenmäßig Viertel darstellten: Atzacualco (San Sebastiàn) im Nordosten, Cuepopan (Santa Marìa) im Nordwesten, Moyotla (San Juan) im Südwesten und Teopan (San Pablo) im Südosten.20 Tenochtitlán war durchzogen von geraden, streng nach Himmelsrichtungen ausgerichteten Prachtstraßen und Plätzen. Dazwischen waren die flachen Dächer unzähliger Häuser und Paläste, gefertigt aus Schilfrohr oder Blättern. Das Stadtbild glich einem dichten Netz aus Straßen und Häusern, die dicht aneinander angebaut waren. Aus diesen Wohnvierteln erhoben sich weitere Tempelbezirke. Die würfelförmigen Bauten der Wohnhäuser am Stadtrand der Metropole waren aus luftgetrockneten Lehmziegeln gebaut. Zudem waren die Gebäude meist nur einstöckig und daher recht niedrig mit nur etwa zwanzig Quadratmetern Wohnfläche. Mehrere Familien teilten sich einen Innenhof, der als Lebensraum der Familie diente. Die Menschen lebten in „calpollis“, die als Gilden und nachbarschaftliche Vereinigungen mit gewissen Verpflichtungen – zum Beispiel in der gemeinsamen Ausübung religiöser Praktiken – verstanden werden können.

 

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Empfohlene Zitierweise:Blümel, Jonathan (2009): Tenochtitlán – die Hauptstadt der Azteken (II). In: JBSHistoryBlog.de. URL: http://jbshistoryblog.de [Zugriff: DD:MM:YYYY]

 

Bildquellen:

Der Aztektische Dreibund:  Middle section of page 34 of Codex Osuna, from 1565, showing the pictorial symbols for Texcoco, Tenochtitlan (Mexico), and Tlacopán. Gemeinfrei bei Wikipedia

Rekonstruktion des Templo Mayor in Tenochtitlan: National Museum of Anthropology in Mexico City. Reconstruction of the Templo Mayor of Tenochtitlan. Urheber: Joyborg auf Wikipedia

 


Bibliographie:

  1. Hunt, Norman Bancroft: Atlas der indianischen Hochkulturen: Olmeken, Tolteken, Maya, Azteken. Wien 2002. S. 150.
  2. Carrasco Pizana, Pedro: The Tenochca Empire of ancient Mexico. The triple alliance of Tenochtitlan, Tetzcoco, and Tlacopan. Norman 1999. S. 93.
  3. Vgl. Bancroft 2002. S. 151.
  4. Siehe Prem, Hanns J.: Die Azteken. Geschichte – Kultur – Religion. München 2006. S. 33
  5. Vgl. Bancroft 2002. S. 149.
  6. Clendinnen, Inga: Aztecs – an interpretation. Cambridge 1991. S. 51
  7. Vgl. Bancroft 2002. S. 148.
  8. Vgl. Bancroft 2002. S. 143.
  9. Vgl. Prem 2006. S. 29
  10. Vgl. Bancroft 2002. S. 142
  11. Carrasco 1999. S. 4 ; Rademacher, Cay: Maya – Inka – Azteken. Die altamerikanischen Reiche: 2600 v. Chr. bis 1600 n. Chr. (Geo : Epoche). Hamburg 2004. S. 99
  12. Carrasco 1999. S. 29
  13. Anm.: Innerhalb des Herrschaftsgebiets der Méxica gab es dennoch auch große und militärisch mächtige Stadtstaaten, die die Méxica nicht unterworfen hatten, nicht unterwerfen konnten oder wollten, weil der militärische Preis/Aufwand in keiner Relation zu dem Nutzenfaktor des eroberten Gebietes gestanden hätte. Dies waren: Huexotzinco, Cholollan, Tlaxcallan, Tliliuhquitepec, Metztitlan und einige kleinere Staaten
  14. Vgl. Carrasco 1999. S. 95.
  15. Vgl. Bancroft. S. 165
  16. Siehe Clendinnen, Inga: Aztecs – an interpretation. Cambridge 1991. S. 33
  17. Siehe Prem 2006. S. 33
  18. Siehe Prem 2006. S. 32
  19. Vgl. Prem 2006. S. 29.
  20. Vgl. Carrasco 1999. S. 93
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