Posted by: JBluemel in Neuzeit, Piraterie Add comments

Die Insel Tortuga soll Hauptgegenstand der weiteren Ausführungen dieses Artikels sein. Die Darstellungsweise von Tortuga und der Piraterie auf Tortuga in „Fluch der Karibik I“ soll  überprüft und mithilfe von historischen Quellen und diskutierten Meinungen aus der aktuellen Fachliteratur ergänzt werden.

Häufig werden in Filmen und Verfilmungen historische Elemente in meist fiktive Haupthandlungen mit eingebunden und abgeändert, das heißt verzerrt, um der Unterhaltung willen zu einem „Happy – End“ angepasst oder vereinfacht, weil die tatsächlichen, historischen Ereignisse nicht in einem Drehbuch zu erfassen sind. Natürlich können die heutigen Filme nicht bis ins letzte Detail historisch belegt und immer nah an dem Konsens der aktuellen geschichtswissenschaftlichen Forschung und Debatte sein. Aber man muss sich bewusst machen, dass es häufig das Ergebnis von Filmen ist, dass ungenaue Darstellungen historischer Dinge übermittelt werden. Heldenmythen werden durch Filme geschaffen, wo historisch gesehen, keine vorhanden waren. Es schleichen sich in Filmen typische Klischees ein, die frei erfunden sind und nicht in der tatsächlichen Geschichte vorzufinden sind.

Filme sind zwar wie Bücher und alle anderen Formen von Medien subjektiv verfasst und nicht hundertprozentig genau und vollständig. Gerade Filme aber sind in den heutigen Tagen ein sehr wirkungsvolles und mächtiges Medium, welches nicht unterschätzt werden darf. Es bedarf immer wieder Korrektur, Perspektivwechsel und anderer Sichtweisen, um den wirklichen historischen Tatsachen von den dargestellten Ereignissen näher auf den Grund zu gehen.

Doch natürlich können Filme wie „Fluch der Karibik“ auch einen hohen Anreiz bieten, sich näher mit Aspekten und Teilen der menschlichen Geschichte zu befassen. So auch die kleine Pirateninsel Tortuga, die sich in der Nähe der heutigen Insel Hispaniola befindet und verschiedene Namen wie „Île de la Tortue“, „Tortuga del-Mar“1, „Schildkröteneiland“2 zur Zeit der Piraten trug. Womöglich 1494 von Kolumbus entdeckt, erhielt die Insel die Bezeichnung: „Schildkröte“ von den Spaniern, weil diese bemerkten, dass die Insel der Form einer Meeresschildkröte sehr ähnelte. Auch die Tierwelt war und ist auch heute noch durch die zahlreichen Populationen der Meeresschildkröte geprägt. Als eine witzige Anspielung auf die besondere Bedeutung der Meeresschildkröten für die Karibik lässt sich dieser Ausspruch aus  „Fluch der Karibik I“ verstehen, in dem es um Jack Sparrows Flucht von einer einsamen Insel geht:

„Er hat zwei Schildkröten zusammengebunden???” – “Aye!” – “Was hat er als Seil genommen?” – “Menschenhaar! Von meinem Rücken!”3

Aus den Tagebüchern des im 17. Jahrhundert in Tortuga lebenden Wundarztes Alexandre Olivier Exquemelin liest man: „Das Fleisch der grünen Meeresschildkröte war im Hafen und an Bord sehr beliebt. Die Schildkröten wurden als Fleischvorrat lebend an Deck gehalten. Sie wurden auf den Panzer gedreht, so dass sie sich nicht bewegen konnten, vor der Sonne geschützt und alle paar Stunden mit Wasser übergossen.“[4. Siehe Exquemelin S. 18.]

Tortuga war zu seiner Zeit, der Hauptblütezeit der Piraten, vom 15. bis ins frühe 18. Jahrhundert4 umgeben von zahlreichen unbewohnten Inseln. Es gab sehr viele Meerestiere und auch Krabben an der Küste, deren Verzehr, laut Exquemelin, üble Folgen wie plötzliche Bewusstlosigkeit mit sich brachte. Malegari beschreibt Tortuga mit diesen Attributen: „Tropische Vegetation, Früchte und Wild in Hülle und Fülle, angenehmes Klima und ruhige Ankerplätze.“5

Wenn man den Beschreibungen Exquemelins Glauben schenkt, dann war Tortuga stets sehr reich an Früchten wie Melonen, Äpfel, Wein, aber auch Tabakpflanzen und vielem mehr. Hohe Bäume wuchsen außerdem und viele verschiedene Holzsorten wie zum Beispiel Kalebassenholz, Brasilholz, Sandelholz waren vorzufinden. Außerdem wurde auf Tortuga von den Einwohnern sehr viel Fleisch verarbeitet. Es gab ein großes Vorkommen an wilden Schweinen und Hausschweinen, sowie Taubenschwärme, die für den Verzehr verwendet wurden.6 Man erinnere sich hierbei an eine Filmszene in der Will Turner und Jack Sparrow ihren späteren Wegbegleiter Joshamee Gibbs aufsuchen, der gerade im Matsch und zwischen stinkenden Schweinen  ein Schläfchen hält. Sie wecken diesen mit etwas unsanften Methoden auf:

„Gibbs:(Will überschüttet ihn mit einem Eimer Wasser) “Verflucht, ich bin doch schon wach!” – Will: “Das war gegen den Gestank.”7

Auch diese Filmszene erscheint wie eine versteckte und humorvolle Anspielung auf den Dreck, die Verwahrlosung Tortugas und auf die vielen Schweine, die laut Exquemelin im Fleischhandel Tortugas eine elementar wichtige Rolle gespielt haben sollen und somit nicht aus Tortuga wegzudenken waren. Betrieben wurde der Fleischhandel von den Einwohnern, genannt Bukaniere, die „nach der Vertreibung der Bevölkerung aus dem Norden Hispaniolas dieses Gebiet besetzten und sich dem Räuchern von Fleisch widmeten.“8 Der Name „Bukanier“ entstammt laut Apestegui dem Indianischen wohingegen nach Malegari die Bezeichnung für die Fleischjäger von dem von ihnen verwendeten Räucherrost stammt, der auf französisch „boucan“ hieß. Die Taíno-Indianer gaben der Feuergrube zum Kochen die Namen „barbacoa“ und „barbecu“, die die Bewohner der Karibik in „bukan“ umbenannten.9

Worin die Meinungen übereinstimmen, ist, dass diese Bukaniere ursprünglich einheimische Indianer und auf den karibischen Inseln ausgesetzte Europäer wie Franzosen, Engländer und Holländer waren. Die Einwanderer wurden von den Spaniern von Hispaniola vertrieben und genau deswegen hassten die Bukaniere die Spanier und bekriegten sie später. Tortuga wurde 1630 Hauptsitz der Bukaniere und wurde als Versteck für die Beute der Bukaniere genutzt. Die Spanier vertrieben ursprünglich die Ureinwohner von Hispaniola und rotteten sie aus, vertrieben sie nach Tortuga wo sie zunächst nur vom Zuckerrohranbau lebten.10

Es gab laut Malegari erst ab der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts die Bukaniere, die wohl sehr wild aussahen, gekleidet in „blutverkrusteten Leinenhemden und stinkenden Hosen und Stiefeln aus ungegerbten Häuten, schmalrandige, spitze Hüte auf dem Kopf […]“.11 Exquemelin datiert das Ende der Ära der Bukaniere schon auf 1670, weil sie ab 1670 als Piraten unter anderem von Captain Henry Morgan angeworben wurden, um gegen die Spanier zu kämpfen.12 Die Bukaniers jagten verwildertes Vieh, vor allem aber Schweine und Rinder „konservierten und salzten das Fleisch“13 und tauschten mit den umherfahrenden Händlern Fleisch und Leder gegen Waren wie Rum, Brandy, Musketen, Waffen, Schießpulver, Munition, Baumwolle und vieles mehr.14„Schießen, Trinken und Spielen war ihre Lieblingsbeschäftigung.“15 Sie wohnten in kleinen Hütten, aus Blättern und Häuten gebaut, die mit drei bis fünf Leuten bewohnt wurden und von den Indianer als „Barbacoa“ und „arjoupa“ bezeichnet wurden.16 Die Bukaniere waren in ihrem Zusammenleben als „Küstenbruderschaft“ demokratischen Grundregeln und klaren Gesetzen unterworfen, die unter der Leiterschaft ihres Oberhauptes, dem „Levasseur“, eingefordert wurden.

“Parlé, ich berufe mich auf das Recht zu verhandeln gemäß dem Kodex der Bruderschaft, niedergelegt von den Piraten Morgan und Bartholome müsst ihr mich zu eurem Kapitän führen…Wenn ein Gegner wünscht zu verhandeln, darf man ihm nichts antun bis die Verhandlungen abgeschlossen sind.”17

„Sie schwören einen heiligen Eid darauf, dass sie sich weder aus dem Staub machen noch verheimlichen, was sie finden. Sollten sie diesen Eid brechen, werden sie aus der Gemeinschaft ausgestoßen, deshalb sind sie meist sehr großzügig und hilfsbereit.“18

Im oberen Zitat finden wir eine Aussage aus „Fluch der Karibik I“, die von Elizabeth Swann stammt, die an dieser Stelle des Films gerade als Geisel von Piraten genommen wird und auf den „Piratenkodex“ hinweist, der ihr gewisse Rechte als Geisel einräumt. Exquemelin weist im zweiten Zitat auf die Verpflichtungen der Piraten hin. Die Ursprünge des Kodex der Piraten, der bei „Fluch der Karibik“ immer wieder thematisiert wird, liegt in dem strengen Verhaltenskodex der Bukaniers: „sie teilten die Beute gerecht, interessierten sich nicht für die Vergangenheit ihrer Gefährten und kannten nicht einmal deren Nachnamen.“19 Diese Einwohner Tortugas, die sich als „Küstenbruderschaft“ verstanden, griffen ab 1670 unter dem Namen „Filibustier“ (Freibeuter) meist ohne einen Kaperbrief spanische Schiffe in der Karibik an.20

Die Grundlage und soziale Struktur der vielen Piraten in der Karibik entstammte den Gesetzmäßigkeiten der Bukaniere. Diese entschlossen sich ab 1670 für die Piraterie, weil sie sich gegen die Spanier wehren wollten „die sie von der Insel vertreiben wollten.“21 Beispielsweise gab es den Piraten Montbars aus Tortuga, auch „der Vertilger“ genannt, der die Spanier hasste, weil sie seinen Onkel 1667 getötet hatten. Er griff gezielt spanische Festungen an.22 Meist operierten die Bukaniere auf ihren Raub- und Feldzügen gegen die Spanier mit kleinen Booten „piraguas“, die mit mit Musketen ausgestatteten Scharfschützen besetzt waren. Sie ließen ihre exzellent schießenden Schützen zunächst, bevor sie enterten, auf die Ruderleute im feindlichen Boot schießen und griffen von der Kiellinie aus an, um wenig Angriffsfläche zu bieten. Der Gegenschlag der Spanier war das Töten der Rinder- und Schweineherden der Bukaniere, was aber keinen dauerhaften Erfolg mit sich brachte, sondern im Gegenteil die Bukaniere weiter dazu anspornte, die Spanier aus Vergeltung anzugreifen.

Aber im Grunde genommen waren die Bukaniers eher Außenstehende, die die andauernden Konflikte der Holländer, Franzosen, Engländer und Spanier insofern mitbetraf, als dass sie mit den Spaniern im ständigen Krieg standen, dass sie als gut bezahlte Söldner bzw. Freibeuter auf Schiffen anheuern konnten und dass sie unterschiedliche Ansätze erlebten wie man Tortuga von europäischer Seite am Besten verwalten und regieren könnte. Mitchell beschreibt ihr Verhalten bezüglich einem Einschreiten gegen die Großmächte als „halbherzig“ und er merkt an, dass sie lieber den „traditionellen Kreuzzug“23 gegen die Spanier fortsetzten, die mit ihren Gold-, Silber- und Smaragdminen Aussicht auf reiche Beute darstellten.

weiter zum nächsten Teil

 

Empfohlene Zitierweise: Blümel, Jonathan (2009): Piraten yo-ho! Auf nach Tortuga (Teil II). In: JBSHistoryBlog.de. URL: http://jbshistoryblog.de [Zugriff: DD:MM:YYYY]

 


Bibliographie:

 

  1. Siehe Exquemelin, Alexandre Olivier in: Breverton, Terry (Ed.): Das Piraten-Tagebuch: aus dem abenteuerlichen Leben des größten Freibeuters der Karibik. Hamburg 2009. S. 18.
  2. Siehe Malegari. S. 74.
  3. Siehe http://www.filmzitate.info/index-link.php?link=http://www.filmzitate.info/suche/film-zitate.php?film_id=47
  4. Vgl. Apestegui, Cruz: Piraten in der Karibik – Korsaren, Filibustier, Bukaniers. Bielefeld 2001. S. 20.
  5. Siehe Malegari. S. 74.
  6. Vgl. Exquemelin. S. 18
  7. Siehe http://www.filmzitate.info/index-link.php?link=http://www.filmzitate.info/suche/film-zitate.php?film_id=47
  8. Siehe Apestegui. S. 21.
  9. Vgl. Exquemelin. S. 32.
  10. Vgl. Malegari. S. 72-73.
  11. Siehe Mitchell, David: Piraten: Geschichte und Abenteuer der Seeräuber auf den Weltmeeren.Wien 1978. S. 53.
  12. Vgl. Exquemelin. S. 18.
  13. Siehe Apestegui. S. 21.
  14. Vgl. Mitchell. S. 52.
  15. Siehe Mitchell. S. 52ff.
  16. Vgl. Exquemelin. S. 32.
  17. Siehe http://www.filmzitate.info/index-link.php?link=http://www.filmzitate.info/suche/film-zitate.php?film_id=47
  18. Siehe Exquemelin. S. 49.
  19. Siehe Exquemelin. S. 48.
  20. Vgl. Malegari. S. 72
  21. Vgl. Malegari. S. 74.
  22. Vgl. Exquemelin. S. 20.
  23. Siehe Mitchell. S. 57.
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