Posted by: JBluemel in Neuzeit, Piraterie Add comments

Tortuga war seit der Eroberung der Karibik durch die europäischen Mächte ständigen Machtwechseln unterworfen. Zuerst wohnten auf Tortuga spanische Siedler, dann kamen 1625 Franzosen und Engländer hinzu, was Konflikte der beiden Mächte gegen Spanien mit sich brachte. Die Franzosen eroberten zunächst Tortuga von den Spaniern und errichten ein dort ein Fort, um durch Piratenraubzüge die spanischen Festungen in der Karibik weiter anzugreifen.1 Die Spanier holten zum Gegenschlag aus, wurden aber dann geschlagen und von der Insel vertrieben. 1650 wurde die Insel dann endgültig unter französische Kontrolle gebracht. Von dem Levasseur Gouverneur Betrand d’Ogeron wurden 1666, als eine seiner bekanntesten Amtshandlungen, hunderte Prostituierte importiert: Vorrangig um die Bukaniere zu besänftigen, aber auch um Tortuga für Siedler und Flibustier attraktiver zu machen und um mehr Arbeitskräfte für die Plantagen (Kaffee, Tabak, Weizen, Kakao) zu erhalten.2

Die Prostitution auf Tortuga steht in dem Film „Fluch der Karibik“ überaus deutlich im Vordergrund. Auch Jack Sparrow trifft zusammen mit Will Turner auf „alte Bekanntschaften“, die ihn mehrmals ohrfeigen – zu Recht oder unverdient. Man muss sich fragen, ob diese Art von Prostitution wie sie in „Fluch der Karibik“ dargestellt wird, tatsächlich auf Tortuga in diesem Ausmaß stattgefunden hat. Mitchell weist auf die Erläuterungen in Exquemelins Tagebüchern hin, der schreibt: „Ich habe erlebt, wie einer von ihnen einer gewöhnlichen Hure 500 Achterstücke anbot, um sie nackt zu sehen.“3 Die Freibeuter hatten durch die Piraterie viel Geld, das sie im Gegensatz zu den Europäern vermutlich vor allem für Prostituierte aber auch in den Tavernen ausgaben. Es gab Tavernen und auch Bordelle, in denen ebenso Alkohol verkauft wurde, die als „punch house“ (Punsch-Haus) bezeichnet wurden. Geschlechtskrankheiten wie die Syphilis und Todesfälle waren gerade in Bordellen aber auch an Bord der Piratenschiffe an der Tagesordnung.

Die „Partymeile“ auf Tortuga, die in „Fluch der Karibik I“ vordergründig gezeigt wird, hieß „stew“ (Eintopf). Es war der Ort, wo die Seeleute ihr Geld in Spielhallen, Bordellen und Tavernen ausgaben.4 Wichtig als Anmerkung zum Film ist, dass Tortuga nicht nur aus einem „stew“, bestand, sondern es auch noch andere Viertel und Gegenden auf Tortuga gab.

Zudem wurden die 1666 vom Gouverneur d’Ogeron nach Tortuga importierten Prostituierten  „Partnerinnen“ der Bukanier und keine Sklaven oder Prostituierten. Ihnen wurden klare Rechte eingeräumt und sie duften nicht misshandelt werden und konnten sich bei einer Misshandlung an den Gouverneur wenden, der die Beziehung des Bukaniers mit der Frau auflöste.5

Doch begeben wir uns zurück zur Geschichte Tortugas. Ab 1664 gehörte Tortuga der Westindien Kompanie, einer französischen Handelsgesellschaft, die aber ab 1676 all ihre Besitztümer verkaufen musste, weil die Kriege mit den Engländern und Holländern sie in finanzielle Schwierigkeiten stürzte. Zudem war man in Frankreich davon ausgegangen, dass die Einwohner Tortugas nur von der Kompanie ihre Ware beziehen. Das taten sie aber nicht und so wurde auch Alexandre Olivier Exquemelin, der in den Diensten  der Kompanie stand, am 7. Juli 1666 als „Schuldknecht“ verkauft. Dieser schloss sich von Tortuga aus von 1669 bis 1672 den Piraten an.

Eine der hauptsächlichen Quellengrundlagen dieses Artikels sind die Tagebucheinträge des Alexandre Olivier Exquemelin, der seine Erzählungen über Piraten und Tortuga aus seinen eigener Erfahrung beschrieb. Es gibt zusätzlich zu den meist verwendeten Augenzeugenberichten von Exquemelin oder von Daniel Defoe6 zahlreiche Dokumente, Berichte und auch offizielle Schriften aus der Piratenzeit, die aber bis heute längst nicht alle ausgewertet und gesichtet sind. Laut Apestegui gibt es einen „Mangel an Dokumenten aus erster Hand“ und es sei heutzutage praktisch noch unmöglich, die in den nationalen Archiven lagernden Schriften über die Piraterie „systematisch zu analysieren.“[7]

Natürlich sind Augenzeugenberichte wie jede Art von Geschichtsschreibung sehr subjektiv und ich würde Mitchell zustimmen, wenn er sagt: „Defoe und Exquemelin haben vielleicht manches Märchen erfunden, aber da sie aus eigener Erfahrung schöpften, orientierten sie sich im allgemeinen doch an der Wirklichkeit.“7 Doch wir sind heutzutage angewiesen auf die Berichte von Exquemelin, wenn wir mehr über die Piraterie in der Karibik wissen wollen. Sicherlich hat auch Exquemelin manches seiner Darstellungen über Piraten etwas überzeichnet und überspitzt dargestellt, aber eine bessere Quellenlage, als jemanden, der direkt vom Boot der Piraten und quasi als Pirat seine Erlebnisse in Tagebuchform schriftlich festhält, kann man meiner Meinung nicht haben. Es lohnt sich, diese Darstellungen mit den anderen Quellen und vorhandenen Informationen von offiziellen Schriften wie Kaperbriefen, Dokumenten und ähnlichem abzugleichen. Sinnvoll wäre es zudem, die Darstellungen Exquemelins mit jemandem abzugleichen, der gleichermaßen involviert in der Piraterie in der Karibik war und ausführlich das Leben der Piraten in der Karibik schildert.

„Und bring mich an den Horizont…Wir sind schlimme Schurken…Trinkt aus Piraten. yo-ho!“8

Schlussendlich kann ich sagen, dass ein Film wie „Fluch der Karibik I“ in seinen Darstellungen über Tortuga in wesentlichen Punkten einen hohen Wahrheitsgehalt hat. Natürlich fallen nach der näheren und intensiven Beschäftigung mit historischen Quellen hier und da Ungenauigkeiten und Unvollständigkeiten in dem Film „Fluch der Karibik“ auf. Doch hilft hierbei auch die Frage, was ein Film wie „Fluch der Karibik“ leisten möchte. Ich bin überzeugt, dass dieser Film nicht darauf ausgelegt war, historisch korrekt zu sein, sondern vor allem Unterhaltung zu bieten. Gute Unterhaltung kann nur mit faszinierenden und für Zuschauer interessanten Elementen wie der Piraterie hergestellt werden. Die Piraterie und, wie besonders in diesem Artikel erläutert, die Insel Tortuga, muss aber auch angemessen dargestellt und präsentiert werden. Dies scheint bei „Fluch der Karibik I“ im Wesentlichen gelungen zu sein. Jedoch Fragen an die gezeigten Darstellungsweisen zu stellen, zu hinterfragen und offen für näher gehende Informationen zu sein, erscheint mir als ein spannender und interessanter Umgang mit in den Medien dargestellten historischen Themen wie der Piraterie auf Tortuga und in der Karibik.

 

Empfohlene Zitierweise: Blümel, Jonathan (2009): Piraten yo-ho! Auf nach Tortuga (Teil III). In: JBSHistoryBlog.de. URL: http://jbshistoryblog.de [Zugriff: DD:MM:YYYY]

 


Bibliographie:

 

 

  1. Vgl. Exquemelin. S. 21.
  2. Vgl. Exquemelin. S. 159.
  3. Siehe Mitchell. S. 20.
  4. Vgl. Exquemelin. S. 65.
  5. Vgl. Apestegui. S. 159.
  6. Anm. siehe eine Biografie von Daniel Defoe http://www.thepirateking.com/bios/defoe_daniel.htm
  7. Siehe Mitchell. S. 21.
  8. Anm. Ausspruch in der Schlussszene in „Fluch der Karibik I“ von Jack Sparrow, siehe http://www.filmzitate.info/index-link.php?link=http://www.filmzitate.info/suche/film-zitate.php?film_id=47
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