Nachkriegszeit

Nach Ende des 1. Weltkriegs und der Niederlage Deutschlands und des Osmanischen Reiches machten sich die Regierungen Frankreichs, Großbritanniens und Russlands für eine Aufarbeitung der Kriegsereignisse und der an den Armeniern verübten Gräueltaten stark. Sultan Mehmed V. befahl 1918 die strafrechtliche Verfolgung der für den Genozid verantwortlichen jungtürkischen Funktionäre, die von einem Militärgericht abgeurteilt werden sollten. Zwar war dies kein internationales Tribunal, aber immerhin eine Prozessserie vor dem Istanbuler Kriegsgericht- bekannt wurde sie unter dem Namen Unionistenprozesse.
Insgesamt wurden 17 Todesurteile ausgesprochen, von denen aber nur drei vollstreckt wurden. der bekannteste Todeskandidat war Kemal Bey, bekannt als der „Metzger von Yozgat“, da in dem Gebiet Yozgat  nur 88 von ca. 33.000 Armeniern den Völkermord überlebten.1
Talaat, Enver, Djemal und Dr. Nazim wurden wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit in absentia zum Tode verurteilt.  Alle konnten sich durch die Hilfe Deutschlands ins Ausland absetzen. Durch das Chaos der Nachfolgezeit war jedoch kurze Zeit später niemand mehr an den Urteilen und deren Vollstreckung interessiert. Auch die Siegermächte fahndeten nicht mehr nach Talaat oder Enver Pascha. Es fanden auch keine weiteren Strafverfolgungen mehr statt, im Gegenteil: es wurden sogar 41 Verdächtige freigelassen.
Auch wenn Mustafa Kemal 1918 noch eine harte Bestrafung der Jungtürken befürwortete, verlor er doch durch die Befreiungskriege jegliches Interesse an weiteren Strafverfolgungen. Am 24. April 1920 nahm Mustafa Kemal Atatürk folgende Stellung zum Völkermord: „Der […] Vorschlag sieht vor, im Innern des Landes keine Massaker an Armeniern zu verüben. Dass solche an Armeniern vorkamen, ist ausgeschlossen. Wir alle kennen unser Land. Auf welchem seiner Kontinente wurden oder werden Massaker an Armeniern verübt? Ich möchte nicht über die Phasen am Anfang des 2 Weltkrieges sprechen, und ohnehin ist auch das, worüber die Entente-Staaten sprechen, selbstverständlich keine der Vergangenheit angehörende Schandtat. Mit ihrer Behauptung, dass derartige Katastrophen heute in unserem Land durchgeführt würden, forderten sie von uns, davon Abstand zu nehmen“.3

Durch den am 24. Juli 1923 unterschriebenen Vertrag von Lausanne konnte die Türkei die Bestimmungen des nach dem Ersten Weltkrieg abgeschlossenen Vertrags von Sèvres nach ihren Vorstellungen revidieren lassen- der Vertrags von Sèvres hatte einen souveränen armenischen Staat vorgesehen. Aber schon 1921 war außer den Armeniern niemand mehr ernsthaft daran interessiert, die Kriegsereignisse aufzuarbeiten und die Prozessurteile zu vollstrecken.

Operation Nemesis

Am 24. April 1919, zum vierten Jahrestag der Deportationen, trafen sich Soghomon Tehlirjan und andere Überlebende des Genozids und sprachen über den Armenier Mgrditch Haroutounian, der mit Talaat Pascha eine willkürliche „schwarze Liste“ potenzieller Opfer zusammengestellt und nach der Liste gezielt getötet hatte.
Haroutounian war damit in den Augen von Tehlirjan ein Verräter  und wurde auch einige Tage später, während eines Abendessens, gezielt von ihm getötet. Nach dem erfolgreichen Mord entstand die Idee einer geheimen Organisation, die sich als „Rächer des armenischen Volkes“ sah.
Als die treibende Kraft hinter der Organisation wird Armen Garo gesehen. Garo war zuvor Parlamentsabgeordneter von Erzurum und während des Kriegs Kommandeur der armenischen Freiwilligenbataillone auf russischer Seite gewesen. Nach dem Krieg wurde er Vertreter der armenischen Republik und Repräsentant der Daschnaken (die Armenische Revolutionäre Föderation) in den U.S.A.. Aber auch Shahan Natalie wird als Begründer der Operation Nemesis benannt. Auch Natalie war ein Mitglied der Daschnaken und wanderte in die U.S.A. aus.

Sicher ist, dass alle Attentate von Boston aus geplant und organisiert wurden. Eine Liste mit allen Namen der verantwortlichen jungtürkischen Führer sowie der armenischen Verräter wurde verfasst.
Des Weiteren wurden „Rächer“ rekrutiert, die die Morde ausführen sollten. Einer von ihnen war Tehlirjan, der von Danielian, einem Freund Garos,  als „geeigneter Mann“ empfohlen wurde.4

Die Nummer 1 der Liste war Talaat Pascha, der ehemalige Großwesir und Innenminister des Osmanischen Reiches und der Hauptverantwortliche am armenischen Völkermord. Soghomon Tehlirjan wurde für den Mord an Pascha ausgesucht und beauftragt.
Nach einiger Zeit der Überwachung wurde am 15. März 1921 Talaat Pascha mit einem präzisen Schuss auf offener Straße in Charlottenburg, Berlin hingerichtet. Soghoman Tehlirjan versuchte zu fliehen, wurde aber von dem Handelsvertreter Jessen gefangen genommen. Dieser rettete Tehlirjan aber praktisch das Leben, da Tehlirjan von der empörten Menge blutig zusammengeschlagen wurde und fast dabei umkam. Tehlirjan wurde zur nächsten Polizeistation gebracht und stellte sich. Im gebrochenen Deutsch sagte er „Ich habe einen Menschen getötet, aber der Mörder bin ich nicht“5.

Der Prozess gegen Tehlirjan begann am 2. Juli 1921 in Berlin und dauerte nur 2 Tage. Tehlirjan selber sagte aus, er hätte während der Deportation von türkischen Soldaten einen betäubenden Schlag auf den Kopf bekommen und zwei Tage unter der Leiche seines Bruders gelegen und hätte mit anhören müssen, wie seine beiden Schwestern vergewaltigt und ermordet worden waren.6

Auch offizielle türkische Dokumente, u.a. von dem Theologen Johannes Lepsius, belegten, dass die Führer der türkischen Regierung und besonders Talaat unmittelbar dafür verantwortlich waren, dass die Deportationen zu einem Blutbad ausarteten und dass Talaat eine Vernichtung der Armenier gewollt und planmäßig durchgeführt hatte.7

Durch die engagierte und hervorragende Verteidigung der Anwälte und Völkerrechtslehrer Dr. Kurt Niemeyer, Dr. Johannes Werthauer und Dr. Adolf von Gordon wurde schon am zweiten Tag Soghomon Tehlirjan vom deutschen Gericht wegen Schuldunfähigkeit freigesprochen.8 Für Heinrich Vierbücher, der ein Buch über den Völkermord schrieb, war Tehlirjan ein „armenischer Wilhelm Tell“9. Was viele allerdings nicht wissen, ist die Tatsache, dass Tehlirjan während der Massaker gar nicht in Armenien war, sondern auf Seiten der russischen Armee kämpfte. Daher stimmte auch seine Aussage nicht. Dass es sich nicht nur um ein einzelnes Attentat sondern um gezielte Tötungen der jungtürkischen Führer handelte, merkte die Berliner Polizei aber erst im April 1922, als Djemal Azmi von Arshavir Shiragian gezielt ermordet wurde. Die Polizei versucht die Mörder zu fassen und verhaftete 15 Verdächtige, allerdings keinen der wirklichen Hintermänner der Operation Nemesis.
Am 4. August 1922 wurde der letzte große jungtürkische Führer, Kriegsminister Enver Pascha, in Baldschuanvon Hagop Melkumov getötet. Nur Dr. Mehmed Nazim wurde nicht gefasst und ermordet. Allerdings wurde er später unter Mustafa Kemal Atatürk 1926 hingerichtet – wegen einer angeblichen Verschwörung gegen Atatürk.10

Mit dem Tod Enver Paschas erlosch die Operation Nemesis. Niemals wurde einer von ihnen bewusst als Terrorist gefangen genommen und verurteilt.

Liste aller erfolgreich durchgeführten Morde durch die Operation Nemesis11:

  • Fatali Khan Khoyski am 19. Juni 1920 in Tiflis von Aram Yerganian
  • Talaat Pascha am 15. März 1921 in Berlin von Soghomon Tehlirjan
  • Bihbud Khan Jivanshir am 18. Juli 1921 in Konstantinopel von Misak Torlakian
  • Said Halim Pascha am 5. Dezember 1921 in Rom von Arshavir Shiragian
  • Behaeddin Shakir am 17. April  1922 in Berlin von Aram Yerganian
  • Djemal Azmi am 17. April 1922 in Berlin von Arshavir Shiragian
  • Djemal Pascha am 21. Juli 1922 in Tiflis von Stepan Dzaghigian
  • Enver Pascha am  4. August 1922 in Tadschikistan von Hagop Melkumov

 

 

weiter zum nächsten Teil

 

Empfohlene Zitierweise: Goździelewska, Agnieszka (2009): Operation Nemesis (II). In: JBSHistoryBlog.de. URL: http://jbshistoryblog.de [Zugriff: DD:MM:YYYY]

 


Bibliographie:

  1. von Voss, Huberta: Das geleugnete Verbrechen. Taner Akçam über den türkischen Genozid an den Armeniern, URL: http://www.welt.de/print-welt/article350588/Das_geleugnete_Verbrechen.html (Abrufdatum: 30.12.2009)
  2. Kazım Öztürk, Atatürk’ün Açık ve Gizli Oturumlarındaki Konuşmaları, 1992, S. 59., deutsche Übersetzung: http://de.wikipedia.org/wiki/V%C3%B6lkermord_an_den_Armeniern#cite_ref-111
  3. Hosfeld, Rolf. Operation Nemesis, Köln 2005, S. 284.
  4. Hosfeld, Rolf. Operation Nemesis, Köln 2005, S. 10.
  5. Vierbücher, Heinrich, Armenien 1915, Bremen 2004, S. 10.
  6. Anm.: Alle wichtigen Dokumente und Beweise wurden zusammengetragen in dem von Wolfgang Gust herausgegebenem Buch Der Völkermord an den Armeniern 1915/16, zu Klampen Verlag, Reinbek bei Hamburg, 2005.
  7. Anm.: Der Verhandlungsablauf ist einsehbar unter der URL: http://www.armeniapedia.org/index.php?title=Trial_of_Soghoman_Tehlirian
    (Abrufdatum: 05.12.2009).
  8. Vierbücher, Heinrich, Armenien 1915, Bremen 2004, S. 10.
  9. Hosfeld, Rolf. Operation Nemesis, Köln 2005, S. 304.
  10. Anm.: Liste auch einsehbar unter der URL: http://www.operationnemesis.com/ (Abrufdatum: 05.12.2009).
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