Die Nachwirkungen

Auf der einen Seite war der Völkermord an den Armeniern sowie der Prozess Tehlirjans der Ausgangspunkt für den Völkerrechtler Raphael Lemkin, ein Gesetz gegen die systematische Ausrottung eines Volkes zu erlassen. Lemkin wird heute als der „Vater der UN-Völkermordkonvention“ angesehen. Aber auch Robert Kemper, der später die Nürnberger Prozesse leitete, sah den Prozess gegen Tehlirjan als einen Anstoß Völkermorde nicht einfach hinzunehmen sondern hart zu bestrafen.
Allerdings weist Lemkin auch auf die fragwürdigen Racheakte der Operation Nemesis hin: „Tehlirjan hatte sich selbst zum Vollstrecker des Gewissens der Menschheit ernannt. Doch kann jemand sich selbst dazu ernennen, Gerechtigkeit auszuüben? Wird eine solche Art von Gerechtigkeit nicht eher von Emotionen beherrscht sein und zur Karikatur ausarten?“1
Man sollte sich jedoch die Frage stellen, wie groß die Sehnsucht nach Gerechtigkeit sein muss, wenn Gerichte und Staaten anscheinend aufgehört haben Interesse daran zu zeigen. In ihrem Buch „Eichmann in Jerusalem“ vergleicht Hannah Arendt den armenischen Völkermord mit dem Holocaust und Tehlirjan mit Shalom Schwartzbard – „each man is insisted on being tried (…) to show the world through court procedure what crimes against his people had been committed and gone unpunished. (…) The point in favor of Schwartzbard and Tehlirian was that each was a member of an ethnic group that did not possess its own state and legal system, that there was no tribunal in the world to which either group could have brought its victims.”2 Die Mitglieder der Operation Nemesis wussten, dass sich keiner der Siegermächte mehr für ihre „Sache“ interessieren würde, geschweige denn versuchen  würde, die gesprochenen Urteile zu vollstrecken. Sie selber sahen sich als die gerechten Rächer des armenischen Volkes.
Zudem wollten die Mitglieder der Operation Nemesis keine weiteren Opfer, sondern nur die schon ausgesprochen Todesurteile gegen die hauptverantwortlichen jungtürkischen Führer vollstrecken. Bis auf die Menschen auf der Vergeltungsliste wurde niemand getötet, weder Familienangehörige der Jungtürken noch Zeugen der Morde.
Dennoch – insgesamt gesehen ist das Resultat ernüchternd. Der Völkermord wurde zwar mittlerweile von vielen Staaten als Völkermord anerkannt – aber die Türkei schweigt weiterhin zu diesem Thema. Aber auch Länder, die diese Gräueltaten als Genozid anerkennen, müssten sich zuallererst mit diplomatischen Konfrontationen und wirtschaftlichen Boykotten seitens der Türkei auseinandersetzen.
Gerechtigkeit in Form einer Anerkennung und einer Entschuldigung von Seiten der Türkei ist bis heute nicht in Sicht. Zudem werden viele der Haupttäter noch heute als türkische Helden gefeiert  und ihnen werden sogar Staatsbegräbnisse zuteil – wie zuletzt Enver Pascha im Jahre 19963. Das Thema „armenischer Völkermord“ wird tabuisiert und sogar strafrechtlich verfolgt, da es als staatsfeindliche Propaganda angesehen wird.
Mehr Hoffnung gibt die Aussage von Murat Belge, einem türkischen Journalisten- „Ich behaupte, die Fortsetzung der Leugnungspolitik der Türkei widerspricht ihren nationalen Interessen. Der Grund für diese Behauptung ist sehr einfach: weil sie falsch ist. Jede Politik, die auf falschen Prämissen beruht, ist dazu verdammt, über kurz oder lang in sich zusammenzufallen.“4

 

Empfohlene Zitierweise: Goździelewska, Agnieszka (2009): Operation Nemesis (III). In: JBSHistoryBlog.de. URL: http://jbshistoryblog.de [Zugriff: DD:MM:YYYY]

 

Quellen und weitere Literatur:

Literatur:

Rolf Hosfeld, Operation Nemesis, Verlag Kiepenhauer und Witsch, Köln 2005

Heinrich Vierbücher, Armenien 1915, Donat Verlag, Bremen 2004

Jörg Berlin; Adrian Klenner: Völkermord oder Umsiedlung? Das Schicksal der Armenier im Osmanischen Reich,
PapyRossa Verlag Köln 2006

Jakob Künzler Im Lande des Blutes und der Tränen, Chronos Verlag, Zürich 1999

Internetquellen:

Huberta von Voss, Das geleugnete Verbrechen, In: Welt Online Stand: 6. November 2004
URL: http://www.welt.de/print-welt/article350588/Das_geleugnete_Verbrechen.html

[Abrufdatum: 30.12.2009]

Aschot Manutscharjan, Armenier fordern Annerkennung des Genozids, In: Welt Online, Stand: 23. April 2005

URL: http://www.welt.de/print-welt/article666868/Armenier_fordern_Anerkennung_des_Genozids.html [Abrufdatum: 29.12.2009]

http://www.operationnemesis.com/ [Abrufdatum: 05.12.2009]

http://www.theforgotten.org / [Abrufdatum: 05.12.2009]

http://www.armeniapedia.org/index.php?title=Trial_of_Soghoman_Tehlirian [Abrufdatum: 05.12.2009].

 

Bibliographie:

  1. Hosfeld, Rolf. Operation Nemesis, Köln 2005, S. 7.
  2. Arendt, Hannah. Eichmann in Jerusalem, 1992, S. 265.
  3. Hosfeld, Rolf. Operation Nemesis, 2005, S. 287.
  4. zit. nach Hosfeld, Rolf. Operation Nemesis, 2005, S. 311.
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