Posted by: JBluemel in Mittelalter, Wikinger Add comments

Bekannt sind die Wikinger als wilde, heidnische Seefahrer, die vom 8. Jahrhundert n. Chr. bis etwa 1050 mit ihren schnellen Kriegsschiffen Raubzüge im Großteil Europas, aber vor allem in den Ländern England, dem Frankenreich und den baltischen Staaten bis Russland unternahmen. Diese aus dem Norden Europas bzw. Skandinavien stammenden Plünderer wurden Wikinger genannt. Doch wer waren eigentlich die Wikinger? Was hat ihr Auftreten und ihr Erscheinen in Europa ausgelöst und welcher Widerstand wurde den Raubzügen der Wikinger entgegengebracht?

Schrecken und Plünderung in Europa

Die genaue Bedeutung des Namens Wikinger lässt sich in unserer heutigen Zeit leider nicht eindeutig ermitteln. Der Begriff Wikinger enthält die Worte vikos: Dorfgemeinschaft, avviker: von zu Hause weggehen und vik: was entweder Bucht, Handelsplatz oder Raubzug bedeutet.[1] Bereits vor dem eigentlichen Zeitalter der Wikinger, im späten 7. Jahrhundert, tauchte der Begriff Wikinger in einem altenglischen Poem im Zusammenhang mit einem germanischen Volk auf.[2] Die Wikinger wurden in den zeitgenössischen Quellen nicht nur als Wikinger, sondern auch als Nordmänner, Heiden, Ungläubige und Piraten bezeichnet. Interessant ist außerdem, dass die Wikinger in den Erzählungen der angelsächsischen Quellen im Kontext von Plünderung, Angriff und Schiffen erwähnt wurden.[3] Die Hauptaktivität dieser Wikinger war für die damaligen Bewohner Europas scheinbar schnell zu beschreiben: Die Wikinger führten Plünderungsfahrten mit schnellen Kriegsschiffen durch, die leicht an Land anlegen konnten, um dann meist anliegendes Gebiet zu überfallen und zu plündern. Das hauptsächliche Motiv für die Überfälle war das Erlangen von Reichtümern, mit denen der soziale Stand in der skandinavischen Heimat verbessert werden konnte. Überfallen wurden meist Klöster, Kirchen und Abteien, die zum größten Teil wehrlos waren, aber bedeutende Reichtümer besaßen. Doch gerade diese Leidtragenden der Plünderungen dokumentierten im westeuropäischen Gebiet durch Chroniken und andere schriftlichen Berichte die Aktivitäten der Wikinger.

Der wahrscheinlich erste dokumentierte Überfall der Wikinger auf westeuropäischen Boden fand, laut der Angelsächsischen Chronik[4], 789 in Portland auf dem englischen Festland im Gebiet Wessex statt. Drei dänische Wikingerboote hatten urplötzlich an der englischen Küste angelegt. Bei diesem Überfall wurde der westsächsische königliche Vogt Beaduheard von dänischen Wikingern ermordet, weil dieser nicht wusste, wer sie waren und, laut der Einschätzung von Angelo Forte, sie für Händler hielt.[5]

Ein weiteres Schreckensereignis auf englischem Boden, von dem ebenfalls in der Angelsächsischen Chronik berichtet wurde, war am 8. Juni 793, als skandinavische Plünderer (vermutlich Norweger) das englische Festland überfielen und das nordenglische Kloster Lindisfarne plünderten und seine Bewohner verschleppten oder ermordeten. Dieses Kloster hatte in damaliger Zeit  eine ganz besondere Bedeutung als das intellektuelle und spirituelle Herz von Northumbrien.[6] Doch wie viele zeitgenössische Klöster war auch dieses Kloster direkt an der Küste gelegen und war mit dem flachen Strand vor dem Kloster geradezu einladend für die Wikinger.[7] Der Schrecken über diesen Vorfall saß bei den Bewohnern Northumbriens so tief, dass in einer zeitgenössischen Quelle sogar gemutmaßt wurde, ob dieser Überfall nicht eine Bestrafung Gottes gewesen sein könnte.[8]

Natürlich kam dieser Überfall der Heiden und von See für die Bewohner in den Gebieten von Northumbrien überraschend.[9] Dennoch gab es schon vor diesem Überfall, nämlich seit dem 7. Jahrhundert, bei den Balten im Osten gewisse Anzeichen dafür, dass skandinavische Völker zunehmend fremde Gebiete zu erschließen suchten und auch bereit waren, diese gewaltsam zu nehmen. Bei diesen skandinavischen Völkern kann man nicht von den Wikingern sprechen, sondern es muss mehrere unterschiedliche Wikingerstämme gegeben haben, die sich für ihre Plünderungsfahrten gewisse Operationsgebiete aufteilten. So befuhren die dänischen Wikinger vor allem die südliche Nordseeküste und führten ihre Raubzüge entlang des Ärmelkanals bis zum Mittelmeer und in den Südwesten Europas hinein. Die Norweger drangen hingegen westlich in den Atlantik vor und überfielen vor allem  Nordengland, die Inselgruppe Hebriden sowie Schottland und Irland. Die schwedischen Wikinger orientierten sich in Richtung Russland.[10] Selten haben aber die skandinavischen Wikinger nationale Einheiten oder Gruppenzusammenschlüsse bilden können, um Armeen aufzubringen, die groß genug waren, um die zu überfallenden Länder auf einen Schlag zu unterwerfen.[11] Die Plünderungsfahrten der Wikinger konnten bis 841 noch als „Saisonunternehmen“ bezeichnet werden, die von Frühjahr bis Herbst jeden Jahres erfolgten. Ab 841 richteten sich die Wikinger ihre befestigten Winterlager, genannt Longphorts, in den geplünderten Gebieten ein. Dies ermöglichte den Wikingern, allmählich stabile Herrschaftsformen in den Gebieten zu errichten und vom Plündern zum Herrschen zu kommen.

weiter zu Teil II


[1]Froese, Wolfgang: Wikinger, Germanen, nordische Königreiche: die Geschichte der Ostseestaaten. Hamburg 2008. S. 65.

[2] Forte Angelo; Oram, Richard; Pedersen, Frederik: Viking Empires. Cambridge 2005. S.4.

[3] Vgl. Froese. S. 66.

[4] Vgl. Angelsächsische Chronik unter: http://omacl.org/Anglo/

[5] Vgl. Forte S. 8/ Abels, Richard: Alfred the Great. War, kingship and culture in Anglo-Saxon England. London 1998. S. 103.

[6] Vgl. Forte S. 8.

[7] Vgl. Froese S. 68f

[8] Vgl. Forte S. 9.

[9] Vgl. Graham-Campbell, James: Das Leben der Wikinger. Krieger, Händler und Entdecker. Berlin/Hamburg 1980. S. 26.

[10] Vgl. Froese S. 69.

[11] Vgl. McMillan, James Paul: Vikings. In: Encyclopedia of Anthropology. SAGE Publications 2005. http://www.sage-ereference.com/anthorpology/Article_n909.hmtl [Zugriff: 07.09.2010]. S. 1.

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