Posted by: JBluemel in Mittelalter, Wikinger Add comments

Schiffe und Handel

Ein wichtiger Grund für die meist sehr erfolgreichen Plünderungsunternehmen und Seeaktivitäten der Wikinger war sicherlich ihre Art Schiffe zu bauen. Die Wikinger waren berühmt und berüchtigt für ihren Schiffsbau, denn sie konnten stabile Schiffe bauen, die wenig Tiefgang hatten und mit denen sie über einen Fluss bis weit ins Landesinnere fahren konnten.[1] Mit ihrem Langskip, das „vor allem als Kriegs- und Mannschaftsschiff diente“[2], konnten sie mit einer Besatzung von etwa 60 Mann Höchstgeschwindigkeiten von umgerechnet 20 km/h erreichen. Solch ein Boot war mit ca. 28 Metern Länge recht lang und mit 4,5 Metern Breite recht schmal, aber leicht zu manövrieren und durch sein Deck, das mit vielen rudernden Besatzungsmitgliedern bestückt war, vor allem sehr schnell. Ein zweiter wichtiger Schiffstyp der Wikinger war das Handelsschiff, genannt Knörr, das mit einer Tragfähigkeit von etwa 40 Tonnen und einer Ladefläche von 30-35 Kubikmetern mehr für den Transport als für schnelle Seemanöver geeignet war. Es war in seiner Bauweise „im Vergleich zum Langskip breitbauchiger“.[3] An Bord waren nicht sehr viele Ruderbänke, weil die Knörr im Gegensatz zum Langskip, wo auch ein Segel vorhanden war, meist gesegelt wurde. Mit diesen Booten konnten die Wikinger auf See weite Strecken in kürzester Zeit bewältigen und ihre geplünderte Beute sicher transportieren.

Doch man muss sich, wie es scheint, auch ein wenig vom klischeehaften Bild des plündernden und brandschatzenden Wikingers lösen, denn die Handelsschiffe der Wikinger wurden auch zu etwas völlig anderem benötigt: zum friedlichen Handel. Man ist sich in der heutigen Forschung relativ einig, dass es zu einseitig wäre, die Wikinger nur als Plünderer zu sehen. Länderübergreifender Handel war ein kulturelles Phänomen im Zeitalter der Wikinger. Die Wikinger verstanden es, ein umfassendes, weitreichendes Handelsnetz mit verschiedenen Handelsstützpunkten von Skandinavien bis zum Orient zu betreiben.[4] Laut archäologischen Befunden gab es sogar schon vor dem 8. Jahrhundert Kontakte von Skandinaviern nach Nordeuropa.[5] Im Zeitalter der Wikinger wuchs dieses Handelsnetzwerk in friedlichen Zeiten – und schrumpfte in unruhigen Zeiten.[6] Handel und Krieg wechselten sich bei den Wikingern problemlos ab und mancher Überfall konnte auch eine Art Fortsetzung von früherem Handel darstellen. Die Wikinger versuchten auch andere etablierte Handelsströme, wie der der Friesen zu stören, indem sie deren wichtigen Handelsplatz Dorestad angriffen.

Einer der großen Handelsstützpunkte der Wikinger war das dänische Haithabu, an der südlichen dänischen Grenze in Jütland gelegen, das eine Brücke zwischen der Nordsee und den Balten darstellte. Ursprünglich wurde der Platz durch den dänischen Wikingerkönig Godfred erobert und dann ab 810 ausgebaut. Gehandelt wurde in Haithabu hauptsächlich mit Wein, Waffen, Glas, Keramik, Basalt und aus den östlichen Gebieten Gewürze, Seide, Perlen, Silber, Pelze, Bernstein, Agrarprodukte und Sklaven. Doch es wurde nicht nur Handel betrieben, sondern in Haithabu war auch viel Gewerbe vorhanden, in dem gehandelte Waren gleich weiterverarbeitet wurden.[7] Erst ab dem 11. Jahrhundert verlor Haithabu an Bedeutung und entschwand mit dem Ende des Zeitalters der Wikinger. Festzuhalten ist, dass die Stärke der Wikinger nicht nur im Kriegswesen gelegen hatte, denn das Handelswesen der Wikinger war mit seinen Bestandteilen wie z.B. der Urbanisierung, der Staatenbildung und auch der Kolonisation eine treibende Kraft für weitere wichtige Entwicklungsprozesse Europas und ist daher, auch aus heutiger Sicht, in seiner Komplexität und Fortschrittlichkeit nicht zu unterschätzen.[8]

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weiter zu Teil III


[1] McMillan S. 5.

[2] Siehe Froese S. 79.

[3] Siehe Froese S. 79.

[4] Vgl. Froese S. 66

[5] Vgl. Williams, Gareth in Brink, Stefan: The Viking World. Oxon 2008. S. 193.

[6] Vgl. Sindbaek, Sören Michael in Brink S. 150.

[7] Vgl. Froese S. 77.

[8] Vgl. Sindbaek, Sören Michael in Brink S. 150.

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