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Wikinger in England

Die dänischen Wikinger erobern England

Eine heute wie damals elementar wichtige Frage lautet: Wer konnte den dominanten Wikingern Widerstand leisten? Für die Beantwortung dieser Frage sollen die dänischen Wikinger näher betrachtet werden, die außerhalb Dänemarks vor allem in England und an der Nordseeküste bis zum Ärmelkanal auftraten. Nach den ersten Überfällen am Ende des 8. Jahrhunderts und weiteren in den 830er bis 850er Jahren gelang es vor allem den dänischen Wikingern um 865 mit der Great Heathen Army, einem großen heidnischen Heer, englische Gebiete einzunehmen und schon ab 870 den überwiegenden Teil Englands zu beherrschen.[1] Nur das mächtige, im Süden gelegene, englische Königreich Wessex blieb unabhängig von den Wikingern und wurde ab 871 von dem westsächsischen König Alfred, als jüngsten Sohn des Ethelwulfs, regiert. Von ihrem Stützpunkt in Reading überfielen die dänischen Wikinger unter der Führung von Halfdan seit 870/871 zahlreiche Städte wie Ashdown, Basing, Malborough (wo Alfreds Vater König Ethelwulf starb) und auch Wilton – mit dem Ziel, das einzig übriggebliebene angelsächsische Königreich, nämlich Wessex, in Besitz zu nehmen. Doch Wessex leistete, trotz einer Niederlage in Wilton, erbitterten Widerstand und noch im selben Jahr konnte Alfred nach intensiven Kampfhandlungen einen Waffenstillstand mit den Eindringlingen erzwingen.[2] Ab 876 startete der dänische Wikingerkönig Guthrum eine neue Offensive gegen Wessex und nahm an der südlichen Küste Wareham in Dorset ein, um von dort den westlichen Teil des Königreiches zu bekämpfen.

Im Winter 877/878 brach Guthrum den Waffenstilstand vollständig und unternahm von seinem Stützpunkt in Gloucester aus  einen Überraschungsangriff gegen Wessex. Zunächst erschien dieser Angriff gezielt auf Devon und Somerset gerichtet zu sein, doch wurde dieser durch eine Wikingerarmee aus Süd Wales zusätzlich verstärkt.[3] Zwar konnten Alfreds Truppen diesen Angriff abwehren, doch sie standen so weit in der Defensive, dass Ostern 878 das Reich Wessex kurz vor dem Fall stand. Nachdem Alfred jedoch seine Truppen in Athelney sammeln konnte, gelang ihm 879 ein entscheidender Sieg bei Edington in Wiltshire. Durch Alfreds Triumph hatte Wessex als einziges englisches Königreich die Angriffswellen der Wikinger überstanden und den Versuch der Invasion abgewehrt. Alle anderen Gebiete in Südengland wurden zur dänischen Kolonie. Bei anschließenden Friedensverhandlungen mit Alfred empfing der Wikinger Guthrum als Zeichen des Friedens die christliche Taufe und zog sich nach Ost Anglien zurück.[4] Der Frieden Alfreds mit den Wikingern währte allerdings nicht lange. Schon 882 musste Alfred seine neu geschaffene Kriegsflotte einsetzen, um fünf angreifende Schiffe an der Küste abzuwehren. 884 konnte Alfred in Kent mit seiner Flotte eine größere Wikingerflotte, die aus Franzien kam, nicht abwehren. Alfred löste dann 885 in Rochester die Belagerung der Wikinger auf und nutzte seine Flotte, um gegen eine dänische Flotte in Essex vorzugehen. Er  befreite 886 London aus der Hand der Wikinger und verhandelte wiederum mit Guthrum, der sich verpflichtete den Engländern in den dänischen Gebieten Englands gleiche Rechte einzuräumen.[5] Bei diesen Vertragsverhandlungen wurden außerdem die Grenzen von Alfreds Herrschaftsgebiet sowie die Grenzen der dänischen Gebiete auf englischem Festland (dt. Danelag, engl. Danelaw) festgelegt. Alfred erklärte sich hierbei zum Schirmherrn aller Engländer.

Source: Statue of King Alfred the Great in Wantage, England, photo DJ Clayworth, copied from en:Image:KingAlfredStatueWantage.jpg by Cnyborg
Alfred der Große

Dennoch erreichten schon zwei Jahre nach Guthrums Tod 892 zwei große Wikinger-Flotten aus Franzien Kent. Obwohl diese für Alfred die bis dato größte Bedrohung darstellten und sie noch Unterstützung von den Wikingern aus Northumbrien und Ost Anglien erhielten, konnten sie nur wenig bewirken und verließen ab 896 Wessex.[6] Diese misslungene Wikingerexpedition könnte ein Resultat der erfolgreichen politischen Maßnahmen Alfreds wie z.B. seinen Militärreformen und Errichtungen von Stützpunkten sein. Die vorherigen Könige von Wessex konnten gegen die Wikinger nur sehr instabile Erfolge erringen, daher war Alfred, vor allem ab 878 bis 892, sehr darauf bedacht, die Verteidigungsmaßnahmen in Wessex gegen weitere Wikingerangriffe auszubauen. Zu seiner Regierungszeit ließ er außerdem Brücken und Straßen sowie Burgen an Flussläufen errichten, wo dann Wirtschaftszentren entstehen konnten. Weiterhin reformierte er das Militärwesen in Wessex und befehligte verschiedene Truppenverbände wie die fyrds, die als kleinere Verbände aus 50-100 Mann bestanden sowie die territorialen Einheiten, die shire fyrds genannt wurden und schnell verfügbar waren. Diese Einheiten bestanden aus Landbesitzern und ihren Gefolgsleuten und wurden von Vögten, königlichen thegns und Ealdormen befehligt.[7] Alfred war ein durchaus gebildeter Herrscher, der sehr viele kulturpolitische Maßnahmen unternahm und das Bildungswesen reformierte und sich um die Übersetzung zahlreicher lateinischer Schriften bemühte. Asser interpretiert dies als Liebe zu Büchern und Bildung und beschreibt Alfred als religiösen, jugendlichen und mächtigen Herrscher. Zudem wurde er in Schrift und Sprache ausgebildet und unterhielt angeblich mit seinem Vater Verbindungen zum Papst nach Rom. Alfred ließ während seiner Regentschaft viele christliche Schriften übersetzen und neue Kloster gründen und er stärkte die Bistümer. Dennoch war Alfred auch schwer krank und litt vermutlich an Morbus Crohn, was Asser als Prüfung für Alfred darstellte. Geboren wurde Alfred 848 in Wantage und er heiratete 868 Ealswith in Sutton Courtenay, Berkshire. Mit ihr hatte Alfred fünf Kinder. Alfred starb 899 und schon bald nach seinem Tod wurde er Alfred der Große genannt.[8] Warum? Sicherlich nicht nur, weil er der König der West-Sachsen und Angelsachsen war, sondern weil er den Angriffen der Wikinger dauerhaft standhielt und mit ihm ein erstes englisches Nationalbewusstsein entstand, was für das englische Festland weitreichende Konsequenzen haben sollte.

Empfohlene Zitierweise:

Blümel, Jonathan (2010): Alfred gegen die Wikinger. In: JBSHistoryBlog.de. URL: http://jbshistoryblog.de [Zugriff: DD:MM:YYYY]

 

Das erste Bild ist gemeinfrei und unterliegt keinem Urheberrecht. Die Quelle des zweiten Bildes lautet: Quelle: Statue of King Alfred the Great in Wantage, England, photo DJ Clayworth, copied from en:Image:KingAlfredStatueWantage.jpg Der Urheber ist: Cnyborg. Siehe: Wikipedia.


[1] Vgl. Froese S. 72/ Brink S. 342.

[2] Vgl. Forte S. 72f.

[3] Vgl. Forte S. 76.

[4] Vgl. Abels S. 124-136, 152-168.

[5] Vgl. Forte S. 79.

[6] Downham, Clare in Brink S. 343.

[7] Abels S. 139.

[8] Vgl. Abels S. 122.

Bibliographie

Abels, Richard: Alfred the Great. War, kingship and culture in Anglo-Saxon England. London 1998.

Brink, Stefan: The Viking World. Oxon 2008.

Forte, Angelo; Oram, Richard; Pedersen, Frederik: Viking Empires. Cambridge 2005.

Froese, Wolfgang: Wikinger, Germanen, nordische Königreiche, die Geschichte  der Ostseestaaten. Hamburg 2008.

Graham-Campbell, James: Das Leben der Wikinger. Krieger, Händler und Entdecker. Berlin/Hamburg 1980.

McMillan, James Paul: Vikings. In: Encyclopedia of Anthropology. SAGE Publications 2005. http://www.sage-ereference.com/anthorpology/Article_n909.hmtl [Zugriff: 07.09.2010]


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