Der nächste Artikel beschäftigt sich mit einem ganz besonderen Stück der Hamburger Stadtgeschichte. Die in den Jahren 1946 bis 1956 errichteten Grindelhochhäuser, die sich aktuell im Stadtbezirk Hamburg-Eimsbüttel befinden, sind aufgrund ihrer Bauweise und ihren damaligen Bauumstände wie z.B. den politischen Hintergründen sowie ihrer früheren wie aktuellen Nutzung wichtige Zeugnisse deutscher Nachkriegsarchitektur. Um die Grindelhochhäuser gab es seit ihrer Entstehung viel Brisanz und unterschiedlichste Reaktionen wurden durch ihren Bau und ihren Wohnbetrieb ausgelöst. Brisant war unter anderem, dass die Hochhäuser im ehemalig gutbürgerlichen und im Krieg zerstörten Stadtteil Harvestehude errichtet wurden und – obwohl Wohnraum in den Nachkriegsjahren knapp war – für die britischen Besatzer genutzt werden sollte. Galten dann ein paar Jahrzehnte später (bis in die 70er Jahre) die Wohnbereiche in den Grindelhochhäusern  noch als modern und angesagt, wurden sie in späteren Jahren als Wohnmaschine und Horrorhochhaus bezeichnet, in denen unmenschliche Wohnbedingungen vorherrschen würden.

Quelle: Eigene Bilder

Etwas gigantisch und auch unheimlich ragt das Ensemble von zwölf Hochhäusern zwischen den Straßen Grindelberg, Hallerstraße, Brahmsallee und Oberstraße hervor. Wenn man über eine der vier Straßenschleifen mitten zwischen die Hochhaussiedlung hineingelangt, wird man auf Wege stoßen, die mitten durch parkähnliche Grünflächen führen. Hierbei kann man schon ein wenig von der Anordnung der einzelnen Gebäuderiegel erkennen, die in recht weitem Abstand voneinander aufgestellt sind. Sechs vierzehngeschossige und sechs acht bis neun geschossige Hochhäuser mit Längen von 109 Metern und 73 Metern, strecken sich imposant in den Himmel. Was etwas skurril wirkt, ist die geringe Breite von 11 bis 12 Metern dieser Hochhäuser, die wie schmale, rechteckige Kästen aussehen. Die Bauweise aus Stahlbeton und die recht einheitlich wirkende Bauweise der Fassade, fallen ebenso bei erster Betrachtung auf. Beim genaueren Hinsehen entdeckt man aber, dass die einzelnen Häuser mit “unterschiedlichen Loggien und Fensterrhytmen und –formen”[1] ausgestattet sind. Dennoch weisen alle Fensterscheiben der Häuser eine recht längliche Form auf.

Quelle: Eigene Bilder

Wenn man aus einem der obersten Stockwerke im Bezirksamt Eimsbüttel auf die anderen 11 Häuser blickt, wird einem auffallen, dass die Dächer und obersten Geschosse der einzelnen Häuser ganz unterschiedlich ausgestaltet sind. Dennoch fallen diese Unterschiede bei oberflächlicher Betrachtung nicht sehr ins Gewicht und man gewinnt einen einheitlichen und geschlossenen Eindruck von diesem 12-teiligen Hochhauskomplex. Obwohl die helle Farbe der Fassaden eine fröhlich-sommerliche Ausstrahlung vermittelt, wirkt das gesamte Areal mit seiner Stille (ohne Verkehrslärm) sehr erdrückend und unlebendig auf mich. Mir fällt auch auf, dass sich in den meisten unteren Geschosse und der Erdgeschosse statt Wohnräumen Büros, Läden, Praxen und andere Nutzungsarten befinden.

Ursprünglich wurden die Erdgeschosse für diverse Lädenzeilen, aber auch für eine Tankstelle, eine Tiefgarage sowie eine Zentralwäscherei genutzt. Realisiert wurde die Wohnhochhaussiedlung im Rahmen des „Hamburg project“, das ursprünglich von den britischen Alliierten in der Nachkriegszeit forciert wurde, um Hamburg zum Hauptquartier der britischen Besatzungstruppen zu machen. Zum ersten Mal wurde das Vorhaben im September 1945 bedacht. Das Grindelbergebiet im Stadtteil Harvestehude war bei den Bombardements im Jahre 1943 fast gänzlich zerstört worden und  erschien den Briten in der Nachkriegszeit um 1945 für eine Neubebauung geeignet. Am Grindelberg sollten für die Besatzungsverwaltung Wohn- und Büroräume zur Verfügung gestellt werden.

Quelle: Eigene Bilder

Nach einigen Schwierigkeiten und einer genaueren Konzeptionsphase wurde am 12. Juli 1946 mit den Bauarbeiten begonnen. Die englischen Auftraggeber beauftragten die deutschen Architekten Albrecht Sander, Ferdinand Streb, Berhard Hermkes, Rudolf Lodders, Fritz Trautwein, Rudolf Jäger und Hermann Zess, die als politisch unbelastet galten. Hunger, Kälte und Wohnungsknappheit setzten der Hamburger Bevölkerung in den Jahren des Baus der Grindelhochhäuser zu. Die Britische Besatzungsmacht beschlagnahmte zudem “Mitte Dezember 1945 in Hamburg etwa 10 000 und Ende 1946 fast 14 000 von 812 000 Zimmern” [2] was natürlich zahlreiche  Konflikte zwischen den Hamburgern wie auch dem Hamburger Bürgermeister Rudolf Petersen und der Britischen Militärregierung in Hamburg mit sich brachte. Etwa 60 000 Hamburger waren schätzungsweise von den Beschlagnahmungen der Wohnungen betroffen. Das “Hamburg project” musste aufgrund dieser Brisanz von den Briten zunächst geheim gehalten werden. Für den Bau der Grindelhochhäuser mussten unbeschädigte Gebäude abgerissen werden und Anwohner umgesiedelt werden, was aufgrund der Wohnungsknappheit, ein zusätzliches Problem darstellte.

Nachdem die Bauarbeiten aufgrund von Materialengpässen und Bauarbeiterflucht mehrfach unterbrochen werden mussten, entflammte ab 1948/1949 eine in der Öffentlichkeit und deutschen Nachkriegspolitik geführten Kontroverse über die zukünftige Nutzung der Hochhäuser. Inzwischen war das “Hamburg project” von der Britischen Besatzungsmacht eingestellt worden und die Baustelle wurde der Stadt um 1948 übergeben. [3] Die Grindelhochhäuser wurden schließlich 1956 fertiggestellt und sollten künftig als Wohnflächen genutzt werden.

Die Reaktionen auf dieses Bauprojekt waren in der damaligen Zeit sehr unterschiedlich und die hohen Häuser am Grindelberg sorgten sicherlich nicht nur aufgrund ihrer Bauweise und ihrer Entstehungsgeschichte für viel Gesprächsstoff. Dennoch  stellten die Hochhäuser als Nachkriegsarchitektur wieder einen Bezug zu den in den 20er Jahren entworfenen Idealstadtentwürfen her, in denen frei sich erhebende Hochhäuser „in fließenden, offenen, grünen und durchsonnten Räumen als Lebenswelt des modernen Menschen“[4] darstellten.

Empfohlene Zitierweise: 

Blümel, Jonathan (2010): Die Grindelhochhäuser. In: JBSHistoryBlog.de. URL: http://jbshistoryblog.de [Zugriff: DD:MM:YYYY]

 

Der Urheber für die aufgeführten Bilder ist Jonathan Blümel.


Literaturangaben

[1] Siehe: http://de.wikipedia.org/wiki/Grindelhochh%C3%A4user [Zugriff:25.11.2010]

[2] Siehe: Schildt, Axel: Die Grindelhochhäuser Eine Sozialgeschichte der ersten Wohnhochhausanlage Hamburg – Grindelberg  1945-1956. Hamburg 1988. S. 18.

[3] Ibidem. S. 66-73.

[4] Ibidem. S. 7.

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