Obwohl Norddeutschland „nicht im direkten Einflussbereich der Französischen Revolution lag“, wurde in den verschiedenen norddeutschen Städten und auch in den ländlichen Gebieten regelmäßig mit aktuellen Berichten in Zeitschriften und anderen Presseschriften über die Geschehnisse in Frankreich berichtet.

Norddeutschland hatte zu Beginn der Französischen Revolution – mit einer informationsbedürftigen Leserschaft und zahlreichen Zeitungsunternehmen, ein funktionierendes Zeitungswesen, das sich ab Mitte des 18. Jahrhundert aus den Entwicklungsprozessen des Pressewesens in den deutschen Gebieten zu einer besonders fortgeschrittenen Presselandschaft entwickelt hatte. In Folge der „gemeinnützig-ökonomischen Aufklärungsbewegung“ wurden im Laufe des 18. Jahrhunderts in Zeitschriften aufklärerische Reformprogramme sowie praktische Lebenshilfen und naturwissenschaftliche Abhandlungen vorgestellt 1. Ab den siebziger und achtziger Jahren wurden in den zeitschriftenähnlichen Intelligenzblättern, nicht nur Anzeigenschriften publiziert, sondern es wurden auch gemeinnützige Beiträge für die Belehrung der ländlichen Bevölkerung mit Ratschlägen für die Land- und Hauswirtschaft veröffentlicht. Ab den achtziger und neunziger Jahren wurden Wochenblätter publiziert, die meist Artikel mit Ratschlägen, Anleitungen und Erläuterungen zu alltäglichen Themen aus dem medizinischen, erzieherischen und wirtschaftlichen Bereich enthielten. Auch die Tageszeitungen wiesen mit aktuellen Berichten von politischen Ereignissen, wie Kriegs- und Revolutionsgeschehen, einen hohen Informationsgehalt auf. Diese Berichterstattungen, wie über die Amerikanische Revolution und über den siebenjährigen Krieg waren „stets lektürefördernd und sprachen die unteren Stände an“ 2. Die publizierten Presseschriften wurden durch die Post, Händler, Krämer, Kolporteure, Buchbinder, Buchdrucker, Leihbüchereien und Journallesezirkel vertrieben. Die Verleger bemühten sich verstärkt darum nicht nur gebildete Kreise, sondern breite Bevölkerungskreise mit ihren Zeitschriften zu erreichen 3.

Besonders in Norddeutschland hatte sich im Laufe des 18. Jahrhunderts eine große und vielfältige Presselandschaft herausgebildet. Es bestand um 1800, bis auf wenige regionale Unterschiede, in weiten Teilen der norddeutschen Bevölkerung eine hohe Signier-, Lese- und Schreibfähigkeit. Im städtischen Kleinbürgertum konnte jeder lesen und meist sogar auch schreiben. Obwohl um 1800 in Norddeutschland die meisten potentiellen Leser auf dem Land lebten 4, bildeten sich im Zuge der Französischen Revolution besonders in Städten wie Hamburg und Altona, organisierte Lesegellschaftstypen heraus, die sich in Literarischen Gesellschaften, Fachlese-gesellschaften und Aufklärungsgesellschaften trafen, um regelmäßig Lektüre und Presseberichte zu lesen. Überaus bekannt war die 1789 in Hamburg gegründete Lesegesellschaft „Harmonie“, die ausländische und inländische Schriften wie unter anderem „Hamburger Correspondent“, „Relations-Courier“ und  den „Altonaischen Mercurius“, lasen. Dazu wurden politische Schriften wie das „Zeitungshandbuch für die französischen Angelegenheiten“ und Berichte über die Französische Revolution, Land-  See- und Kriegskarten sowie Kurzbiographien zu Akteuren der Revolution gelesen 5. Organisierte Presselektüre fand neben den Lesegesellschaften, auch in Gast- und Kaffeehäusern, Lesezirkeln, Avisenbuden sowie Zeitungsläden statt. Im Mittelpunkt der Presselektüre stand aber vor allem in geselliger Runde, Bildung und Unterhaltung durch die Zeitungen zu genießen 6.

Für den Aufstieg Hamburgs zur „Zeitungshauptstadt“ Norddeutschlands am Ende des 18. Jahrhunderts waren bedeutende Zeitungen, wie der auflagenstarke „Hamburger Correspondent“, der traditionsreiche „Relations-Courier“ und der „Altonaische Mercurius“ mitverantwortlich 7. Neben Hamburg galten auch Altona und Braunschweig als bedeutende Pressestädte 8. 1789 erschienen in Norddeutschland 33 Zeitungen, von denen deutsche als auch ausländische Zeitungen regelmäßig gelesen wurden. Die Vielzahl an unterschiedlichen norddeutschen Zeitschriften begründete sich vor allem durch die „territorialen, konfessionellen, sozialstrukturellen, und verfassungs-politischen Unterschiede“, der einzelnen Flächen- und Stadtstaaten 9, die sich im besonderen Maße in den Zensurbestimmungen der Presse zeigte. So soll in Altona von den Behörden aus „Konkurrenzdruck zu Hamburg“ eine eher liberale und weniger zeitintensive Zensur der Zeitung ausgeübt worden sein 10. Altona galt ohnehin als eine recht offene und politisch liberale Stadt, während im benachbarten Hamburg vor allem Aufklärer und Reformer stark vertreten waren 11.

Ab 1789 rückte die Französische Revolution in den Mittelpunkt der Hamburger und Altonaer Presseberichte. Die Hamburger und Altonaer Leserschaft war jedoch schon zwanzig Jahre vor dem Ansturm auf die Bastille 1789 bestens über Frankreich und seine desolate wirtschaftliche und finanzielle Lage informiert 12. Die Leser in Hamburg und Altona konnten täglich aktuelle Berichte über die neuesten Geschehnisse in Frankreich lesen, die weit weniger zensiert wurden als in anderen Gebieten 13. Von den Geschehnissen der ersten Jahre der Französischen Revolution, wie zum Beispiel der Nationalversammlung, wurden in den Hamburger und Altonaer Zeitungen auf „umfassende, sachlich-informative und anschauliche“ 14 Art und Weise berichtet. Obwohl die nordwestdeutsche Presselandschaft im 18. Jahrhundert vor allem von Aufklärung und dem Streben nach Reformen geprägt war, wurde das bisherige Motto „Reform statt Revolution“ auch in Hamburg und Altona mit den Berichten über die Französische Revolution hinterfragt. Die Reaktionen auf die Französische Revolution waren in Hamburg und Altona von Sympathie bis Ablehnung sehr unterschiedlich 15. Obwohl man sich ab 1793 in vielen Teilen im Hamburger und Altonaer Pressewesen von der Ermordung des französischen Königs distanzierte, wird anhand der überlieferten Presseschriften deutlich, welch tiefen Eindruck die Französische Revolution auf das norddeutsche Lesepublikum gehabt haben muss 16.

 

Empfohlene Zitierweise:

Blümel, Jonathan (2010): Das Pressewesen in Norddeutschland. In: JBSHistoryBlog.de. URL: http://jbshistoryblog.de [Zugriff: DD:MM:YYYY]


Bibliographie:

 

  1. Vgl. Böning, Holger; Moeps, Emmy: Zeitungen in Norddeutschland, in: “Sie, und nicht Wir” Die Französische Revolution und ihre Auswirkung auf Norddeutschland und das Reich”, hrsg. Herzig, Arno;Stephan, Inge; Winter, Hans G. Band 1. S. 18-26.
  2. Siehe Möllney, Ulrike: Norddeutsche Öffentlichkeit und Französische Revolution, in: Böning. S. 155f.
  3. Vgl. Böning, Holger; Nagel, Michael; Weber, Johannes (Hrsg.): Periodische Presse. Kommunikation und Aufklärung. Hamburg und Altona als Beispiel. (Presse und Geschichte – Neue Beiträge Band 6) Bremen 2002. S. 106.
  4. Möllney, Ulrike:  Norddeutsche Presse um 1800: Zeitschriften und Zeitungen in Flensburg, Braunschweig, Hannover und Schaumburg-Lippe im Zeitalter der Französischen Revolution. (Studien zur Regionalgeschichte, Band 8). Bielefeld 1996. S. 213.
  5. Ebidem S. 240.
  6. Ebidem S. 212-231.
  7. Vgl. Böning: Periodische Presse. S. 36.
  8. Ebidem. S. 16-18.
  9. Ebidem. S. 150.
  10. Siehe Böning, Holger; Moepps, Emmy (Hrsg.): Deutsche Presse Altona : Bergedorf – Harburg – Schiffbek – Wandsbek ; kommentierte Bibliographie der Zeitungen, Zeitschriften, Intelligenzblätter, Kalender und Almanache sowie biographische Hinweise zu Herausgebern, Verlegern und Druckern periodischer Schriften. (Bibliographische Handbücher zur Geschichte der deutschsprachigen periodischen Presse von den Anfängen bis 1815, Band 2). Stuttgart – BadCannstatt 1997. S. 31.
  11. Vgl. Böning. Periodische Presse S. 108.
  12. Vgl. Böning; Moeps: Sie und nicht wir. S. 22.
  13. Vgl. Böning. Periodische Presse. S. 105.
  14. Siehe Böning. Periodische Presse. S. 107.
  15. Vgl. Schmidt, Burghardt: Hamburg im Zeitalter der Französischen Revolution und Napoleons (1789-1813) Teil 2 Kommentierte Übersicht über Literatur und Quellen(Beiträge zur Geschichte Hamburgs, Band 55, Teil 2). Hamburg 1998. S. 103 f.
  16. Vgl. Böning. Periodische Presse. S. 110.
VN:F [1.9.22_1171]
Rating: 0.0/5 (0 votes cast)
Pin It

Leave a Reply