Posted by: JBluemel in Hamburg, Neuzeit Add comments

Im nächsten Artikel soll eine zeitgenössische Zeichnung aus der Frühen Neuzeit quellenkritisch untersucht werden. Für die Quellenkritik und abschließende Auswertung der Quelle ist zunächst die Beschreibung des Quellenbefunds erforderlich. Im nächsten Schritt ist es notwendig die Quelle im Kontext ihrer Entstehungsgeschichte zu betrachten. Eine gewisse  Kenntnis des historischen Kontextes ist ebenfalls notwendig, um die in der Quelle enthaltenen Darstellungen auf Authentizität überprüfen zu können. Im abschließenden Schritt sollen die aus der Quelle entnehmbaren Informationen vorgestellt und die Aussagekraft der Quelle ermittelt werden.

Untersucht werden soll die Zeichnung von Friedrich Thöming, die „zwischen dem 4. Februar und dem 23. März 1825 entstanden sein muss.“ 1] Um eine erste Beschreibung der Zeichnung und der auf ihr enthaltenen Darstellungen zu erstellen, hilft es den bekannten sieben W-Fragen (Wer, Was, Wann, Wo, Wie, Warum, Wozu) nachzugehen. Man sieht bei erster Betrachtung des Bildes eine Sturmflut und gewaltige Wassermassen, die alles was ihnen im Weg steht unter sich begraben und meist auch fortreißen. Verzweifelt versuchen sich Menschen auf die Häuserdächer zu flüchten oder sich auf kleine Boote zu retten, um den heranpreschenden Wassermassen zu entkommen. Doch alle auf der Zeichnung abgebildeten Lebewesen, ob Mensch oder Bäume, sind der Gewalt des Wassers ausgeliefert. Wie entfesselt überschwemmen Naturgewalten alles was sich ihnen in den Weg stellt. Man sieht wie die Wassermengen sich an einzelnen Elementen wie Häusern auftürmen und sie dann niederringen. Die gesamte Zeichnung wirkt düster und das auf ihr abgebildete Thema stellt eine Sturmflut dar, die wohl binnen Sekunden das Ausmaß einer unaufhaltbaren Katastrophe annimmt. Der Zeichner hat für sein Motiv eine Perspektive gewählt, die den Betrachter direkt wie ein Zuschauer auf das Geschehen blicken lässt. Die Zeichnung nimmt durch die gewählte Perspektive den Betrachter mit hinein in das schreckliche Geschehen. Diese bewusst gewählte Perspektive des Betrachters auf die Zeichnung gibt gewisse Hinweise auf die näheren Beweggründe des Malers eine solche Zeichnung anzufertigen. Die Betrachter der Zeichnung sollen mit hinein genommen werden in das Geschehen der Sturmflut. Sie sollen durch die Gestaltung der Zeichnung ein Stück weit mit den Betroffenen mitfühlen können um sich letztendlich mit den Opfern der Sturmflut zu solidarisieren und sie je nach Möglichkeit zu unterstützen und ihnen zu helfen wieder in ein geregeltes Leben zurückfinden zu können.

Zeichnung: Deichbruch an der Elbe (Friedrich Thöming, 1825).

Die Abbildung ist eine Lithographie nach der Zeichnung des Malers Friedrich Thöming aus Eckernförde. Angefertigt wurde die Zeichnung bei einem Aufenthalt des Malers in Hamburg, zu einem Zeitpunkt als dieser auf der Durchreise nach Italien war. Es ist daher anzunehmen, dass Thöming selbst 1825 Augenzeuge der bis dato schwersten Sturmflutkatastrophe an der Nordsee war. Auf der Zeichnung wird der Deichbruch im Jahr 1825 an der Elbe dargestellt. Es fehlen aber genauere Hinweise welchen Ort und welches Deichstück Thöming in seiner Zeichnung abbildet. Publiziert wurde die Zeichnung als Steindruck in einem Flugblatt, in der für die Teilnahme an einer Theater-Benefizveranstaltung in Stade “für die in Folge der Sturmfluthen bedürftig, vater- und mutterlos gewordenen Kinder des Herzogthums Bremen”2] aufgerufen wurde. Die gewählte Perspektive des Bildbetrachters auf das Geschehen in der Zeichnung und die bereits angestellten Vermutungen, dass durch die Zeichnung an die Bildbetrachter appelliert wird, sich mit den Flutopfern zu solidarisieren, stimmen mit den historischen Gegebenheiten insofern überein, als dass diese Zeichnung in einem Flugblatt publiziert wurde, in welchem für eine Teilnahme an einer Theater-Benefizveranstaltung und der aktiven Unterstützung der Flutopfer aufgerufen wurde.

Die bis dahin wohl schwerste Flutkatastrophe an der gesamten Nordseeküste in der über 800 Menschen ums Leben kamen setzte in der Nacht vom 3. auf den 4. Februar 1825 ein. Das Wasser stieg in den Elbgegenden auf die Rekordhöhe von 6,4 Meter (21 Fuß). Hinrich Meyer, ein Dienstknecht des Wöhrdener Deichrichters meldete  am 4. Februar 1825 um 9 Uhr morgens dem Gräfen Büttner in Stade, dass der Deich an der Schwinge an dreizehn Stellen durchbrochen sei.3 Vermutlich um Mitternacht brachen die Deiche; und die Flut überschwemmte in solcher Geschwindigkeit das hinter den Deichen liegende Land, dass die Menschen im Schlaf überrascht wurden. Besonders stark betroffen von der Flut waren Gebiete in den Niederlanden wie Groningen, Friesland und Overijssel sowie Emden in Ostfriesland, und die deutsche Nordseeküste mit den Halligen und Pellworm und im Hamburger Gebiet vor allem das Alte Land.

Nach der Erläuterung des Entstehungskontextes der Quelle sowie einer ersten Einführung in den historischen Kontextes, stößt man unumgänglich auf die Frage, welchen Hamburger Elbdeich oder welches Hamburger Gebiet an der Elbe der Maler Friedrich Thöming in seiner Zeichnung aufgegriffen hat. Das Alte Land liefert, aufgrund der Schwere der Zerstörungen und der hohen Anzahl der Opfer durch die Fluten, eine mögliche Vorlage für die Zeichnung von Thöming. Mögliche Gründe sollen hierfür im Folgenden skizziert werden.

Die Zeichnung Thömings stellt den Beginn der Sturmflut und der Deichbrüche dar, bei der die Menschen von dem Wasser überrascht wurden. Laut den Quellenberichten verloren in den drei Meilen des Alten Landes 72 Menschen ihr Leben. Über 900 Wohngebäude wurden beschädigt, es gab großen Verlust von Vieh und Besitztümern und sogar die Zerstörung von drei Brücken wurde in den Quellen erwähnt.4 Das Einsetzen einer solch gewaltigen Flut war auch im Alten Land überraschend und man war ihr, genauso wie auf Thömings Zeichnung, zunächst sehr hilflos ausgeliefert. Schnell wurde im Alten Land unermüdlich mit Notdeicharbeiten begonnen, die zumindest Teilerfolge, vor allem in der Zweiten Meile, mit sich brachten und das Ausmaß der Schäden etwas verringerten. Schon zu Beginn der Sturmflut wurde in zahlreichen Intelligenzblättern über das Ausmaß der Katastrophe berichtet und die Leserschaft wurde zu Spenden und zur Solidarität aufgerufen.

Es gibt ein weiteres wichtiges Element aus dem historischen Kontext, dass auch in Thömings Zeichnung gesehen werden kann. Es ist das Boot, das auf der Zeichnung (rechts unten) mit entschlossenen und tapferen Menschen bemannt, schon unmittelbar nach den Überschwemmungen einen symbolischen Charakter für Rettungsaktionen der Altländer Bewohner bekam. Die Zeichnung von Thöming würde also mit den Quellenberichten aus dem Alten Land insofern übereinstimmen, als das einige Quellen zahlreiche sehr spektakuläre Rettungsaktionen während der Flut dokumentieren, in denen Bewohner aus dem Alten Land ihr eigenes Leben riskierten um andere Menschen und Tiere vor dem sicheren Tod zu retten. Diese Retter erhielten im Sommer desselben Jahres Ehrenauszeichnungen. Ein Beispiel für eine solche Rettungstat im Alten Land in Grünendeich findet sich in einem zeitgenössischen Bericht wieder:

[…]Die Schiffer Johann und Hinrich Meyer in Grünendeich holten um 2 Uhr nachts eine Eisjolle über den Deich und retteten ihren Nachbarn, den Schiffer Johann Blohm mit seiner aus fünf Personen bestehenden Familie. Nachdem Blohm sich erwärmt hatte, sprang er mit in die Jolle der Gebrüder Meyer, die dann 17 Frauen und Kinder retteten, bis sie um 5 Uhr morgens durch ihre Anstrengungen so sehr ermattet waren, daß sie keine weitere Aktion mehr durchführen konnten. […]“5

Es gab jedoch auch viele Menschen im Alten Land, die sich während der Flut nur ungern von ihrem Besitz trennen wollten. Ein Beispiel aus Stade belegt, dass die Bewohner des Alten Landes auch dazu bereit waren Rettung trotz der Lebensgefahr abzuweisen, nur um sich nicht von ihrem Besitz trennen zu müssen.6

Deutlich wird auch an der Zeichnung Thömings: Eine Sturmflut war meist in dieser Zeit eine plötzlich auftretende und unvorhersehbare Katastrophe, die in ihrer verwüstenden Wirkungsweise und der Höhe und Gewalt der Wassermassen, verheerende Folgen mit sich brachte. Meist wurde dieses Unglück auch als Strafgericht Gottes angesehen, was zusätzliches Leid für die Mentalität und Psyche der Betroffenen mit sich brachte. Deichbruch und Überflutungen führten den wohlhabenden Altländer Bauern von einem Moment zum Nächsten in die miserabelsten Lebensumstände. Denn man hatte bis ins 19. Jahrhundert hinein noch keine Möglichkeiten einer Wettervorhersage. Diese Tragik der Unvorhersehbarkeit und plötzlichen Heimsuchung durch eine Sturmflut kommt auch in der zeitgenössischen Zeichnung von Thöming deutlich zum Tragen.

Auch nach den zahlreichen Aufbaumaßnahmen nach der Sturmflut, war das Alte Land wirtschaftlich wie z.B. im Obstanbau noch für längere Zeit angeschlagen.7 Der Verlust des Viehbestandes, die in den Fluten verloren gegangenen Erntevorräte sowie die immensen Kosten für den Wiederaufbau der Deiche, trieben viele Altländer in den finanziellen Ruin. Vieles musste sich verändern: Man überlegte nach der Sturmflutkatastrophe von 1825 von dem bisherigen Prinzip des Deichbaus, der Kabeldeichung auf die Kommunionsdeichung umzustellen.8 Ein Deichshilfsfond wurde eingerichtet um die Geschädigten zu entlasten. Die Landesherrschaft übte hierbei erstmalig in der deutschen Deichbaugeschichte ein effektives Krisenmanagement aus, bei dem die Flutopfer mit Notunterkünften, Lebensmitteln und Kleidung versorgt wurden.9

Abschließend gesagt, liefert Thömings Zeichnung wichtige Einblicke in die damalige Sichtweise und dem Erleben der Sturmflut von 1825 in Hamburg. Die Darstellungsweise der Zeichnung deckt sich mit den überprüften historischen Gegebenheiten aus dem Hamburger Gebiet Altes Land, ohne dass man mit Sicherheit sagen kann, dass der Maler Friedrich Thöming in seiner Zeichnung exakt dieses Gebiet aufgegriffen hat.

 

 

Empfohlene Zitierweise:

Blümel, Jonathan (2011): 1825. In der Nacht als der Deich brach… In: JBSHistoryBlog.de. URL: http://jbshistoryblog.de [Zugriff: DD:MM:YYYY]

 

Das aufgeführte Bild ist gemeinfrei und unterliegt keinem Urheberrecht.


Bibliographie:

 

  1. Siehe http://www.eckernfoerde.net/museum/museumsstuecke/200303.html [Zugriff: 17.01.2011
  2. Siehe http://www.eckernfoerde.net/museum/museumsstuecke/200303.html [Zugriff: 17.01.2011
  3. Vgl. Ehrhardt, Michael: „Ein guldten Bandt des Landes“ – Zur Geschichte der Deiche im Alten Land. Stade 2003.  S. 458-468.
  4. Ebd. StA Stade, Rep. 74 Jork, Nr. 702. zitiert nach Ehrhardt, Michael: „Ein guldten Bandt des Landes“ – Zur Geschichte der Deiche im Alten Land. Stade 2003. S. 463.
  5. Siehe StA Stade, Rep. 74 Jork, Nr. 699, zitiert nach Ehrhardt, Michael: „Ein guldten Bandt des Landes“ – Zur Geschichte der Deiche im Alten Land. Stade 2003. S 549.
  6. Vgl. Ehrhardt, Michael: „Ein guldten Bandt des Landes“ – Zur Geschichte der Deiche im Alten Land. Stade 2003. S. 556.
  7. Ebd. S. 326.
  8. Ebd. S. 211.
  9. Vgl. Ehrhardt, Michael in: Dannenberg, Hans-Eckhard; Fischer, Norbert; Kopitzsch, Franklin (Hrsg.): Land am Fluss – Beiträge zur Regionalgeschichte der Niederelbe. Stade 2006. S. 133.
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2 Responses to “1825. In der Nacht als der Deich brach…”

  1. mschm Says:

    Feiner Artikel, aber eine Rüge: Bei so einer mickrigen Auflösung macht es keinen Spaß, etwas über das Bild zu lesen. Einfach weil man keine Details erkennt.

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  2. JBluemel Says:

    Lieber Besucher,
    vielen Dank für das Feedback. Zur Erklärung: leider kann weder die Website des Museums in Eckernförde noch Wikimedia eine höhere Auflösung der Zeichnung anbieten. Ich bitte daher um Verständnis.

    Viele Grüße

    J.B

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