Posted by: JBluemel in Mittelalter, Ottonen Add comments

Im Mittelpunkt dieses Artikels soll die Darstellungsweise des Herrschers Otto III.  in der Vita Bernwardi stehen. Die Herrscherpersönlichkeit war der vorletzte Vertreter der Herrscherdynastie der Ottonen im ostfränkischen Reich, die, als Nachfolger der sächsischen „Liudolfinger“, ab dem 10. Jahrhundert „Könige und Kaiser sächsischer Herkunft“ hervorbrachte, die mit dem Herrschaftsanspruch regierten, dass „Gott selbst sie […] zur Königsherrschaft und zum Kaisertum berufen hatte“1. Das Großreich der Ottonen bildete sich im 10. Jahrhundert durch die Verschmelzung des Königreichs Lothringen mit dem ehemaligen ostfränkischen Reich und ab 961 mit dem italischen Königreich.

Heutzutage kann man anhand von Untersuchungen über die Herrscherdynastie der Ottonen wichtige Erkenntnisse über die Staatenbildung Europas gewinnen. Ein Großreich wie das der Ottonen hat durch seine Organisation und seine damals vorherrschenden Denkweisen durchaus noch Auswirkungen auf das heutige Europa und ist auch aufgrund seiner vortrefflichen Quellenlage ein aufschlussreicher Forschungsgegenstand. Das Besondere und Neuartige an der Dynastie der Ottonen war unter anderem, dass die bis dahin geltende Form der generationenübergreifenden Herrschaftsübernahme – vom Vater zum Sohn – neu bestimmt werden musste.

Das Ziel dieses Artikels ist es, die Darstellungsweisen und vorgenommenen Charakterisierungen der des Ottonenherrschers Otto III.  in der Vita Bernwardi zu ermitteln. In der Quellengattung der Vita befasst man sich wie in allen hagiographischen Schriften „mit dem Leben und Wirken von Heiligen“. Die Art der schriftlichen Quelle war seit der Spätantike bis ins Mittelalter weit verbreitet. Thematisiert wurde in einer Vita vor allem die „Heiligen- und Reliquienverehrung“ und mit der Lebensdarstellung eines Heiligen konnte ein „Ideal des Märtyrers“ geschaffen werden.2

Die Vita Bernwardi wurde 1022-1024 vermutlich von Thangmar, dem klösterlichen Erzieher Bernwards verfasst, der ihn unterrichtete und ihm so nahe gestanden habe wie „der Sohn dem Vater.“3 Thangmar berichtet über den Bischof Bernward von Hildesheim, der als Erzieher in einem engen Dienstverhältnis zu Otto III. stand. Bernward beschreibt sich selbst alsLehrer und Urkundenverwahrer Kaiser Ottos III.“4

In der Vita Bernwardi beschreibt der Verfasser relativ detailliert die Erziehung Ottos unter Bernward und wie dieser, als Otto „[…] noch ein Knabe von sieben Jahren […]“ 5 war, in den Dienst am Kaiserhof trat. Otto regierte „gemeinsam mit seiner ehrwürdigen und weisen Mutter, der Herrin und Kaiserin Theophanu […]“ das Reich.6 Laut der Vita gelang Bernward die Erziehung Ottos „obwohl er unter der Anfeindung gewisser Leute zu leiden hatte, so vorzüglich, daß der junge Kaiser erstaunliche Fortschritte im Lernen machte und gleichwohl noch reichlich Zeit hatte, sich mit äußeren Obliegenheiten zu befassen.7 Desweiteren hätten laut Thangmar andere Berater oder Erzieher Otto „zu Tändeleien“ verführt und waren „dem Königskind schmeichlerisch zu Willen“8 Selbst Theophanu gäbe Otto aus „Furcht, die Liebe ihres Kindes zu verlieren“9 alles, wonach es ihm verlangte. Nur Bernward gelänge es, Otto „in Strenge“ zu erziehen, aberdennoch seine Zuneigung in vollem Maße zu gewinnen.“ 10 Thangmar beschreibt die Tatsache, dass der junge Otto von Beginn seiner Amtszeit von Erziehern, Vormündern und Beratern umgeben war. Otto hatte bis 991 mit Theophanu, nach ihrem Tod kurzzeitig mit Wiligis und Hildebald 11 und dann bis 994 mit Großmutter Adelheid 12 zahlreiche Vormünder. Mit dem Beginn seiner Mündigkeit ab 994 suchte sich Otto viele neue Berater aus Wissenschaft und Kunst, aber übernahm auch bisherige wie Wiligis von Mainz. 13

Die Vita lässt das Bild entstehen, das das Ergebnis der guten Erziehung Ottos allein auf die Dienste Bernwards zurückzuführen gewesen wäre. Andere Berater wie auch Theophanu würden mit Otto eigennützig und falsch umgehen. Diese von Thangmar gemachten Bewertungen sind anzuzweifeln, da man, wie Althoff betont, nur das Ergebnis von Ottos Erziehung kennt und keine genauen Anteile der jeweiligen Erzieher und Vormünder an Ottos Erziehung 14 ausmachen kann: „eine umfassende und ausgezeichnete Bildung.[…] Wieviel davon auf das Konto Bernwards ging, ist kaum zu entscheiden, da die Beteiligung weiterer Lehrer an der Ausbildung zumindest vermutet werden kann.“ 15 In seiner Kindheit aber auch ab seiner Mündigkeit 994 waren die wichtigsten Berater Ottos die höchsten Amtsträger des Ottonenstaates, wie die Bischöfe und die Herzöge. 16 Es ist, naheliegend, dass, aufgrund der sehr guten persönlichen Verbindung Thangmars zu Bernward, Thangmar in der Vita über Ottos Erziehung für Bernward Partei ergreift und sich gegen andere Miterzieher ausspricht. So muss die Aussage: „So hing er [Otto] mit ganz besonderer Liebe an seinem Lehrer und ließ sich von keinem Geringeren mehr leiten als ihm, den er als Zierde alle Tugenden verehrte“ 17 als subjektive Sichtweise Thangmars gewertet werden. Thangmar erwähnt an einer anderen Stelle der Vita die Machtkämpfe, die sich unter anderem in dem Gandersheimer Streit 18 zwischen Erzbischof Wiligis und Bernward entluden:Und eben dadurch hatte er [Bernward] bei vielen Menschen Haß und Neid erregt, ganz besonders beim Erzbischof von Mainz, der es nicht ertragen konnte, daß er seine Vertrauensstellung beim Kaiser mit einem anderen teilen musste.“ Bernward verstand es, laut der Einschätzung Körntgens, in den Machtkämpfen und kirchenrechtlichen Streitigkeiten mit dem Erzbischofseine Nähe zum Herrscher gegen die Autorität und den Einfluss des Erzbischofs auszuspielen, wodurch dieser offensichtlich ins Abseits geriet.“19 Thangmar beschreibt diese Nähe Bernwards zu Otto genauer: „Was der fromme Kaiser einem Schriftstück oder einem Boten anzuvertrauen sich scheute, das vertraute er der tiefen Verschwiegenheit seines getreuen Lehrers an, damit er es auf der Waage der Weisheit abwöge.“ 20 Der Vita zufolge schien Otto sich seinem Berater in einem ganz besonderen Maße anzuvertrauen. Es erscheint so, als ob Otto auf der persönlichen Ebene sehr auf den Rat Bernwards angewiesen war und sich den geistigen und geistlichen Fähigkeiten Bernwards klar unterordnete. In der Öffentlichkeit hingegen war Otto derjenige, der Bernward als Kaiser Erlaubnis erteilte und den Bernward in schlichter Kleidung begleiten musste. 21 Laut der Vita habe sich Otto gegenüber Bernward als äußerst großzügig erwiesen: Otto stellte ihm spezielle Reisebegleiter 22 und eine großartige Wohnung 23 bereit und ehrte ihn mit zahlreichen Geschenken.24 Bernward übergab dem Kaiser besondere Vasen 25 und Otto bedeutete „seinem geliebten Lehrer“ 26 mehr als sein eigenes Leben. 27 Seine Nähe zu Otto bedeutete aber auch, dass Bernward einen hohen Einfluss auf das politische Geschehen im Ottonenreich gehabt haben muss und dass er sich als Bischof „wachsam der Staatsgeschäfte“ 28 annehmen konnte.

Besonders anschaulich wird die Beratung Bernwards und seine Einmischung in das politische Geschehen bei Ottos drittem Italienfeldzug 1001 29 dargestellt, bei dem Otto zunächst die aufständische italische Stadt Tivoli zurückeroberte und das gegen ihn rebellierende Rom mit einer Rede zurück gewann. Als es zunächst Schwierigkeiten gab, die Stadt Tivoli einzunehmen, fragte man den Kaiser, was zu tun wäre. Dieser wandte sich an Bernward, der ihm riet, die Belagerung fortzuführen: „Der Kaiser dankte freudig seinem geliebten Lehrer, verschärfte die Blockade, wies die Soldaten zu Eroberung an und verbot durch ein kaiserliches Machtwort, daß irgendeiner die Stadt betreten oder verlassen dürfe.“ 30Es ist hierbei beachtenswert, welch zentrale Rolle Bernward in dem Italienfeldzug spielte. Der als treu und sanftmütig beschriebene Otto wirkt in dem Belagerungsszenario zunächst passiv und nicht eigenständig. Er fragt Bernward in Tivoli „was er tun solle“ 31 und lässt Bernward das Heer „in vorderster Reihe“ 32 anführen und agiert erst eigenständig, als er vor den Römern eine Rede hält. In dieser Rede bediente sich Otto verschiedenster rhetorischer Mittel wie „der Gegenüberstellung von Fremde und Vaterland“ 33, dass Otto aus Liebe zu den Römern seine Heimat – Sachsen – verlassen hätte. Er erwähnt die Väter der Römer, was vermutlich auf das antike Römische Reich anspielt, und betont aber gleichzeitig dabei, dass er die Römer „in die fernsten Teile unsres Reichs geführt“ 34 habe und ihrenRuhm bis an die Grenzen der Erde ausbreiten“ wolle. So bedient er sich in seiner Rede durchgehend der Vater-Sohn Metapher und sieht sich selbst dabei als Vater der Römer. Er fühlt sich von seinen Kindern, den Römern, abgelehnt, aber kann sie als Vater nicht aus seinem Herzen verbannen, sondern will sich wieder mit ihnen versöhnen. Implizit fordert er aber, dass die Verantwortlichen für den Aufstand bestraft werden müssen. Die Rede vermittelt die Begeisterung Ottos für die Erneuerung des antiken römischen Reiches – mit Rom als Zentrum, regiert vom Kaiser als weltlichem und dem Papst als geistlichem Oberhaupt. 35 Bernwards Rolle ist ungewöhnlich, da er während dieser Belagerung Roms nicht nur die Messe leitet, sondern aktiv in den Verlauf der Belagerungen eingreift. Die Versöhnung mit den Römern, dass heißt die Erneuerung des Eides und der Treue für den Kaiser, sei laut Thangmar, durch das Gebet des Bernward um Frieden gekommen. 36 Die Rede Ottos an die Römer hingegen bewirkte nur, dass die Römer gerührt waren und die für den Aufstand Verantwortlichen bestraft wurden. 37 Es kam aber durch Ottos Rede zu keinem rechtlichen Akt, wohingegen Bernwards Gebet zu einer Erneuerung des Eides mit den Römern und einem Treueschwur für den Kaiser führte. Die in der Rede Ottos enthaltenen „Bemühungen um die Sicherung seiner Herrschaft und die Stellung des Papstes“ 38 scheinen hierbei von Thangmar der Initiative Bernwards, das heißt seinem Gebet um Frieden, untergeordnet geworden zu sein. Im  Klartext könnte dies bedeuten, dass nach Thangmars Darstellungen Otto 1001 ohne Bernwards Hilfe und sein Gebet Rom nicht hätte zurückgewinnen können. Otto schien nicht nur Bernwards Hilfe in Anspruch zu nehmen, sondern war vielmehr auf ihn und seine Unterstützung angewiesen.

Als Fazit bei der Quellenuntersuchung der Vita Bernwardi in Bezug auf die Darstellung von Otto III. kann man festhalten, dass Otto III.  in der Vita Bernwardi als ein äußerst vertrauensseliger, aber auch unselbstständiger und hilfsbedürftiger Herrscher dargestellt wird, der als Kaiser mit einer besonderen Vorliebe für Rom die Erneuerung des römischen Reiches anstrebte. Er war stets von Beratern, die um seine Gunst kämpften, umringt und war auf deren Ratschläge angewiesen. 39 Otto III.  war schon mit 3 Jahren Mitkönig über das ottonische Reich geworden und war vom Beginn seiner Regentschaft von zahlreichen Erziehern, Vormündern und Beratern umgeben, die ihn – im Gegensatz zu Heinrich II. –  in Bevormundung aufwachsen ließen. Ob Otto III. jemals wirklich „mündig“ wurde und sich von der Bevormundung befreien konnte, ist durchaus strittig. Die Vita Bernwardi gibt hierzu einen sehr deutlichen Hinweis, denn insbesondere der Bischof Bernward war zuerst als Erzieher, dann als Berater eine zentrale Figur an der Seite Ottos. Berward spielte nach Thangmar eine fragwürdig große und einflussreiche Rolle an der Seite Ottos.


Empfohlene Zitierweise:

Blümel, Jonathan (2011): Die Darstellungsweise von Otto III. in der Vita Bernwardi. In: JBSHistoryBlog.de. URL: http://jbshistoryblog.de [Zugriff: DD:MM:YYYY]

 

Die aufgeführten Bilder sind gemeinfrei und unterliegen keinem Urheberrecht.

Bibliographie:

  1. Siehe Keller, Hagen: Die Ottonen (Beck’sche Reihe), 4. Auflage. München 2008. S. 16-17.
  2. Siehe Goetz, Hans-Werner: Proseminar Geschichte: Mittelalter (UTB Geschichte). 3. Auflage. Stuttgart 2006. S. 128-129.
  3. Siehe Thangmar, Vita Bernwardi, in: Lebensbeschreibungen einiger Bischöfe des 10.-12. Jahrhunderts, ed. und übers. von Hatto Kallfelz. 2. Auflage. Darmstadt 1986 (Ausgewählte Quellen zur Deutschen Geschichte des Mittelalters. Freiherr vom Stein-Gedächtnisausgabe 22) S. 265.
  4. Ebenda S. 353.
  5. Ebenda. S. 279.
  6. Ebenda. S. 279.
  7. Ebenda. S. 279.
  8. Ebenda. S. 279.
  9. Ebenda. S. 279.
  10. Ebenda. S. 279.
  11. Vgl. Knefelkamp, Ulrich: Das Mittelalter – Geschichte im Überblick. 2. Auflage. Paderborn 2003. S. 116.
  12. Vgl. Althoff, Gerd: Die Ottonen. Königsherrschaft ohne Staat (Kohlhammer Urban Taschenbücher, Band 437). 2. Auflage. Stuttgart u.a. 2005. S. 170.
  13. Vgl. Körntgen, Ludger: Ottonen und Salier. 2. Auflage. Darmstadt 2008. S. 41.
  14. Vgl. Althoff. S. 162f.
  15. Siehe Althoff. S. 162.
  16. Vgl. Althoff. S. 163f.
  17. Siehe Vita Bernwardi. S. 279.
  18. Ebenda S. 295-297 und Körntgen S. 41.
  19. Siehe Körntgen S. 42.
  20. Siehe Vita Bernwardi. S. 321.
  21. Ebenda. S. 319-321.
  22. Ebenda. S. 323.
  23. Ebenda. S. 309.
  24. Ebenda. S. 323/283/287.
  25. Ebenda. S. 283.
  26. Ebenda. S. 309.
  27. Ebenda. S.331.
  28. Ebenda. S. 283.
  29. Vgl. Keller. S. 83.
  30. Siehe Vita Bernwardi. S. 319.
  31. Ebenda. S. 317.
  32. Ebenda. S. 319.
  33. Siehe Körntgen. S. 44.
  34. Siehe Vita Bernwardi. S. 321.
  35. Vgl. Keller. S. 74.
  36. Vgl. Vita Bernwardi. S. 319.
  37. Ebenda. S. 321.
  38. Siehe Körntgen. S. 45.
  39. Keller. S. 75.
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