In der als „Jahrhundertdebatte“1 bekannten Kontroverse um den Charakter der antiken Wirtschaft, die in ihren Anfängen vom Historiker und Altphilologen Karl Bücher und dem gegen seine Thesen argumentierenden Althistoriker Eduard Meyer begonnen wurde, stehen sich zwei Lager gegenüber, die grundsätzlich gegenteilige Positionen in der Frage nach den Grundzügen der antiken (römischen) Wirtschaft einnehmen. Auf der einen Seite stehen die „Primitivisten“2, die der Auffassung sind, die antike Wirtschaft war generell unterentwickelt und durch soziale, wie politische Gegebenheiten beeinflusst, der Handel lediglich Austausch von Luxusgütern und die Mentalität der Eliten jeden Fortschritt in Technik und Produktion verhindernd. Auf der anderen Seite stehen die sogenannten „Modernisten“3, die ein außergewöhnlich modernes Bild der antiken Wirtschaftsabläufe zeichnen, in dem der Handel als Reichtumsquelle vergleichbar mit Strukturen der ökonomischen Entwicklungen im 19.Jahrhundert wirkt.

Im Zuge dieses Artikels soll die These vertreten werden, dass der Charakter der Römischen Wirtschaft eher dem Bild der Primitivisten ähnelt. Zwar können modernistische Sichtweisen teils primitivistische abschwächen, jedoch ist meines Erachtens nach ein rein modernistisch ausgelegtes Bild der römischen Ökonomie untragbar. Folglich steht im Vordergrund dieses Artikels ein Überblick und eine Aufarbeitung der bisherigen Forschungsdiskussion und eine Akzentuierung derjenigen Sichtweisen, die ein zu modernes Wirtschaftsbild abschwächen.

Der Anfang der „Jahrhundertdebatte“

Den Anfang in der Debatte markierte die unter dem Namen „Bücher-Meyer-Kontroverse“4 ins Leben gerufene Diskussion. Der Historiker Karl Bücher wollte dabei den Unterschied zwischen einer tauschlosen Gesellschaft und der im Zeitalter der Industriellen Revolution auftretenden Marktwirtschaft deutlich hervorheben, indem er eine eigene Wirtschaftstheorie aufzustellen suchte, die die Kriterien Produktion und Konsumtion in den Mittelpunkt stellte. Dabei ging er von einer Stufenentwicklung aus, die ihn bis zur modernen Volkswirtschaft führen sollte. Geschichtlichen Epochen wies er jeweils charakteristische Wirtschaftsformen zu. War dies in der Neuzeit die Volkswirtschaft und im Mittelalter die Städtewirtschaft, so nahm er für die Antike die „geschlossene Hauswirtschaft“5 an. Merkmal dieser war, dass sie auf eine reine Subsistenzwirtschaft, also auf Selbsterhaltung aus war. „Der Handel blieb auf die unregelmäßige Ergänzung der Eigenproduktion der Hauswirtschaft durch Luxusartikel oder auch durch seltene Nahrungsmittel begrenzt.“6 Wichtig dabei ist, dass es Bücher immer um den Umfang von Austausch und Handel ging. Die Schwächen in Büchers Theorie sind jedoch ebenfalls abzusehen. Er verneint die Existenz von Waren, Gewinnen, Einkommen und Preisen und denkt zu sehr in einem idealisierten Bild.7

Die Antwort und damit eine standhafte modernistische Position folgte durch das Werk Eduard Meyers „Die wirtschaftliche Entwicklung des Altertums“, in dem er der Antike einen starken Gegenwartsbezug zukommen lässt. Er sah keinen prinzipiellen Unterschied zwischen modernen und alten Wirtschaftssystemen, der Handel der Antike ist für ihn einer der „maßgeblichen Faktoren der Kulturentwicklung“8 , im Gegensatz zum Aufstieg von Industrie und Handel lässt er der Landwirtschaft eine eher geringe Bedeutung zukommen. Konträr zu  Bücher hat Meyer auch eine andere Auffassung von geschichtlicher Entwicklung. Er denkt nicht wie Bücher in Stufentheorien, sondern in Zyklen, also in abgeschlossenen Einheiten. Einen Zyklus sieht er nach dem Untergang des Kapitalismus und der Zerstörung antiker Kultur als beendet an, was zeigt, dass er die Moderne in der er sich befindet, dem gleichen Zyklus wie die Antike zuordnet, was einen weiteren Hinweis auf eine „Modernisierung“ der Antike darstellt.9

Für die erste Phase der Kontroverse kann demnach festgehalten werden, dass es Bücher eher um den Umfang ging, während Meyer durch seine Einschätzung des Handels herausstellt, dass er der antiken Wirtschaft eine größere Bedeutung beimisst. Bücher, der mit der Intention gestartet war, ökonomische Theorien durch historische Analyse abzusichern, versuchte im Anschluss daran die Quellen Meyers zu widerlegen, was jedoch aufgrund mehrerer Fehlinterpretationen nur peripher gelang. Meyer hingegen war daran interessiert, die Geschichtswissenschaften durch die Überzeugung einer theorielosen Historie und der Ansicht, dass alles nur zufällig passiert, einzugrenzen.10

Max Webers Rolle in der Kontroverse

In die Auseinandersetzung trat auch Max Weber in seiner Rolle als Althistoriker ein. Er trug dazu bei, modernistische Positionen zu entkräften und ging auf einige Argumente Meyers explizit ein. Im Gegensatz zu Meyer war Webers Konzept stark von Idealtypen geprägt und während Meyer eine Überbewertung der Geschichtsmethodologie konstatierte, war es gerade Weber, der dies stark hinterfragte. Er zweifelt das „Zufällige“ bei Meyer an und kritisiert dessen Einstellung, Geschichte von Gegenwartsinteressen geleitet zu sehen. Für ihn ist es notwendig, bei unsicherer historischer Kenntnislage in Idealtypen zu denken.11

Einen dieser Idealtypen sieht er in der sogenannten „Stadtwirtschaft.“12 Dort findet der Produktionsaustausch unmittelbar statt. Der Bedarf der Konsumenten wird lokal gedeckt, Güterzufuhr von außerhalb ist nicht zwingend. Diesen Umstand führt Weber auf ein verändertes Stadt-Land-Wesen zurück, das darauf basiert, dass der antiken römischen Gesellschaft die Basis dadurch wegbrach, dass die Sklavenzufuhr ausblieb und dadurch eine Umstellung der Produktionsweise nötig wurde. Aber warum war die Sklavenzufuhr so immens wichtig für Rom? Dies beruht darauf, dass Weber dem Römischen Reich drei Wesensmerkmale konstatierte. Die römische Kultur war einerseits eine städtische Kultur, andererseits Küstenkultur und eben Sklavenkultur. Da nach der Erschließung des Hinterlands die Schwierigkeit größer wurde, Sklaven zu finden, brach der Gesellschaft somit langfristig ein Fundament weg.13

Weber gesteht zwar zu, dass es internationalen Handel gab, aber er spielt auf seine geringe Tragweite an und glaubt wie Bücher an einen Luxushandel. Handel konnte laut Weber nur zur See stattfinden, da die wenigen Straßen meist militärisch genutzt wurden. Was den Handel mit Luxusartikeln betrifft, so handelte es sich laut Weber um

„eine dünne Schicht hochwertiger Artikel […] Edelmetalle, Bernstein, wertvolle Gewebe […] welche wirklich Gegenstand des stetigen Handels sind, zumeist Luxusgegenstände, welche infolge ihres hohen Preises die gewaltigen Transportkosten tragen können.“14

Charakteristikum in Webers Beiträgen ist seine umfangreiche Begriffsbildung. So wird die Frage, ob es im Altertum eine kapitalistische Wirtschaft gab im Wesentlichen dadurch beantwortet, dass Weber Kapital als diejenigen Güter bezeichnet, die Gewinn im Verkehr erzielen, also die „grundherrliche Verwertung der personenrechtlich Beherrschten.“15 Daraus schließt er, dass aufgrund der Besitzverhältnisse im alten Rom, bei denen weder Mensch, noch Boden Kapital sind (weil deren Bindung auf traditioneller Ebene und nicht auf der Verkehrsebene beruht), es sich eher um einen politischen Kapitalismus, denn um einen wirtschaftlichen handelt. Der so genannte „Oikos“ war nämlich ein „autoritär geführter Großhaushalt mit dem Leitmotiv naturaler Bedarfsdeckung.“16 Es wurde demzufolge mehr das Vermögen genutzt, als das Kapital verwertet.17 Dies zeigt die Zuwendung Webers zu einer primitivistisch geleiteten Theorie.

weiter zu Teil II


  1. Siehe Tschirner, M.: Moses I. Finley. Studien zu Leben, Werk und Rezeption. Marburg 1994, S.37.
  2. Siehe Drexhage, H.-J.; Konen, H.; Ruffing, K.: Die Wirtschaft des Römischen Reiches (1. – 3. Jahrhundert). Eine Einführung. Berlin 2002, S.19.
  3. Ebd., S. 19.
  4. Siehe Tschirner 1994, S. 37.
  5. Siehe Pleket, H.W.: Wirtschaft und Gesellschaft des Imperium Romanum. Wirtschaft, In: Vittinghoff, F. (Hrsg.).: Handbuch der europäischen Wirtschaftsgeschichte und Sozialgeschichte. Europäische Wirtschaftsgeschichte und Sozialgeschichte in der römischen Kaiserzeit, Bd.1, Stuttgart 1990, S.33.
  6. Siehe Tschirner 1994, S. 39.
  7. Siehe Tschirner 1994, 40ff.
  8. Siehe Meyer, E.: Kleine Schriften zur Geschichtstheorie und zur wirtschaftlichen und politischen Geschichte des Altertums, Halle a.S. 1924, S.90.
  9. Siehe Tschirner 1994, S. 42 ff.
  10. Siehe Tschirner 1994, S. 44-49.
  11. Ebd. , S. 62 ff.
  12. Siehe Weber, M.: Gesammelte Aufsätze zur Sozial- und Wirtschaftsgeschichte. Tübingen 1988, S.291.
  13. Vgl. Tschirner 1994, S. 50 ff.
  14. Siehe Weber 1988, S.292.
  15. Ebd., 1988, S.13.
  16. Ebd., S.13.
  17. Vgl. Tschirner 1994, S.55.
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