Rostovtzeffs Modernismus und Finleys Gegenargumente

„Das in seiner Wirkung stärkste Konzept der antiken Wirtschaft ist indes das von M.I. Finley […]“1 , der mit seinen Sichtweisen etliche modernistische Argumente bloßstellte. Doch betrachten wir zunächst seinen „Hauptrivalen“, Michail Rostovtzeff. Dieser Vertreter des Modernismus wendet sich nicht nur gegen die von den Primitivisten postulierte Stufenentwicklung, sondern auch gegen jedwede Theoretisierung der Geschichtswissenschaften. Er wirft Weber vor, dass dieser die Quellen falsch bearbeitet habe und wendet sich stark gegen die Tatsache, dass primitivistische Theorien dazu tendieren nicht auf alle Abschnitte der Antiken Welt einzugehen. Rostovtzeff betont das Bürgertum und sieht es als bloße Spekulation, dass die geschlossene Hauswirtschaft vorherrschend war. Auch in der Methodik hebt sich Rostovtzeff in modernistischer Tradition ab. Durch das Sammeln von Quellen geht er gegen die Konstruktion eines jeden Idealtypus vor, weil er in den Quellen ein besseres Abbild der Realität erkennt, als es jede Theorie sichtbar machen kann.2

Rostovtzeff meint, dass in der Antike eine große städtische und aristokratische Gebundenheit herrschte und dort das Bürger- und Großbürgertum die tragende Rolle spielte. Er argumentiert gegen die Primitivisten, indem er sagt der Grund für den Zerfall der römischen Gesellschaft lag nicht im Wegfall des Sklaven-Oikos, sondern im Zusammenschluss des Heeres und dem Bauerntum, was unweigerlich zu einer Barbarisierung der Bevölkerung führte, da sich religiöse Mentalitäten auf die Städte ausweiteten und auf wirtschaftlicher Ebene städtische Formen hauswirtschaftlichen weichen mussten.3

Die große Antwort der Primitivisten allerdings bringt M.I. Finley, der Rostovtzeffs Ansätze als „fundierte und sorgfältig abgewogene Darstellungen“4 betrachtet, aber trotzdem seine Vorstellungen einer Kritik unterzieht. Dabei beginnt Finley in seiner Analyse so gesehen am Ursprung, nämlich beim Wort Ökonomie an sich. Dieses leite sich nämlich vom griechischen oikos (Haushalt) und dem Zusatz nem (regeln, verwalten) ab. Oikonomikos ging weder auf Eigentum, Waren oder Geld ein, sondern bezeichnete Besitzrelationen eines adligen Landbesitzers. Alles was im Besitz dieses „pater familias“ stand, also seine Rechte und Pflichten bezeichnet, war ökonomisch.5 Finley macht dabei drei Unterscheidungen: potestas als Gewalt über Kinder und Sklaven, manus als die Gewalt über die Frau und letztlich dominium, die Gewalt über den Besitz. Das Regieren in solchen Familien fand dann logischerweise ohne Unterscheidung zwischen sozialen Belangen oder wirtschaftlichen statt. Es war kein ökonomisches Prinzip erkennbar und daher muss man sich auch nicht wundern, wenn weder große Produktivität herrschte, noch rationelle Arbeit oder Vermarktung. Weil auch für bestimmte Begrifflichkeiten wie Arbeit oder Nachfrage kein Pendant für die Antike Welt herrschte, sieht Finley auch die Wirtschaft nicht als Untereinheit der Gesellschaft.6 Deren Bedeutung ist folglich zumindest nicht modern. Aber, so fragt Finley, handelt es sich dabei „um reinen Zufall […], um fehlendes Verständnis, um ein Problem der Begriffsgeschichte im engeren Sinne […] oder ob das eine Folge der antiken Gesellschaftsstruktur ist.“7
Als Antwort gibt Finley, dass dem Aufstieg der Städte nie ein wirtschaftlicher Erfolg zugesprochen wurde, es sich daher logischerweise um eine auf den Handel mit Luxusgütern ausgelegte Wirtschaft handelt. Außerdem wurden Krisenzeiten stets durch religiöse Gründe erklärt. Die Hauptaussage liegt allerdings darin, dass Finley die Existenz interdependenter Märkte verneint. Er stellt die These auf, dass Wirtschaft als solche nie als fester Begriff im römischen Leben verankert war, weil jede Wirtschaft ein solches Konglomerat voraussetze. Er geht noch einen Schritt weiter und behauptet die Nichtexistenz wirtschaftlicher Zyklen, sieht das Städtewachstum nicht als durch Reichtum bedingt an und erkennt auch im Außenhandel keinen Reichtum. Den Einwand, den nun Modernisten bringen könnten, bringt Finley selbst: dass es in antiken Gesellschaften auch Ordnungen und Regeln gab. Darauf antwortet Finley, dass es durchaus legitim sei solche Ordnungen zu untersuchen, es aber eher eine Methodenfrage sei.8 So wirft er den Althistorikern vor, mehrheitlich lediglich Quellen zu sammeln und diese quantifizierten Daten als Beweise ihrer Thesen einzusetzen. Doch Finley meint, diese Folgerungen seien nicht zulässig und man müsse mehr mit Denkmustern und damit in primitivistischer Tradition arbeiten. Für eine gründliche Untersuchung der Antike ist es Finley auch recht, wenn man die Asienkulturen als Begriff der Antike ausklammert und sich auf Rom und den hellenistischen Raum konzentriert. Denn während in Asien die Paläste eine Art Monopolstellung inne hatten, selbst produzierten und verteilten, war die Römische Welt auf Privatbesitz aufgebaut als „eine Welt des privaten Handels, der privaten gewerblichen Wirtschaft.“9 Wenn Finley also eine antike Wirtschaft meint, geht er von dem groben Zeitrahmen von 1000 v. Chr. bis 500 n. Chr. aus, in dem die maximale Bevölkerungszahl bei ca. 50-60 Millionen lag, die Organisation städtisch ausgelegt war, die Mittelmeernähe eine große Rolle spielte und das Hinterland zur Heranschaffung von Sklaven diente. 200 v. Chr. stand dann eine Änderung  an, als dort das Binnenland erschlossen wurde und somit die nördlichen Provinzen außerhalb der klimatischen Regionen des Südens lagen und zudem am direkten Mittelmeerzugang gehindert waren. Dies verdeutlicht die große Diversifizierung innerhalb dieses Gebiets, was auch in folgenden Punkten nochmals deutlich wird: es herrschten Unterschiede in der jeweiligen Sozialstruktur, den Besitzverhältnissen, dem Arbeitssystem und man konnte auf keine gemeinsame Geschichte zurück blicken. Daher stellt sich für Finley auch die Frage, ob überhaupt von einer antiken Wirtschaft als solcher gesprochen werden kann.10 Sah Rostovtzeff in der Antike „eine wirtschaftliche Einheit“, so fordert Finley, diesen Terminus mit Inhalt zu füllen, womit er sich nachdrücklich gegen das Quellensammeln der Modernisten wendet. Er will einen Nachweis interdependenter Märkte, einer modernen Zentrallenkung und benutzt „antike Wirtschaft“ lediglich, weil dieser Begriff auf einer Einheit in Politik und Kultur beruht.

Zwischenpositionen

Es gilt nun, in einem kurzen Überblick mögliche Zwischenpositionen zu beleuchten, wobei diese meist eine zu primitivistische Sicht relativieren, obwohl sie diese in der Grundtendenz nicht leugnen wollen.

So behauptet Pleket, dass die Ausführungen der Primitivisten ein wirtschaftliches Bild konstruieren, dass lediglich zeigt „was die antike Wirtschaft nicht war.“11 Sie sei „nicht dynamisch, nicht auf Wachstum angelegt, nicht innovationsorientiert und nicht durch Rationalität bestimmt.“12 Hauptkritikpunkt Plekets ist, dass viele Primitivisten die Römische Wirtschaft nicht nur von der Zeit während und nach der Industriellen Revolution absetzen, sondern auch von der vorindustriellen und der Zeit des Handelskapitalismus des Mittelalters. Doch zu dieser erkennt Pleket viele Parallelen und formuliert die These, dass die Römische Antike in wirtschaftlicher Hinsicht dem 18.Jahrhundert näher stand als der heutigen Zeit. Während Finley den Unterschied zwischen Antike und dem Spätmittelalter im niedrigen Status von Händlern und Unternehmern, der Geringschätzung nicht-landwirtschaftlicher Tätigkeiten in der Antike und institutionellen Infrastrukturschwächen sieht, argumentiert Pleket genau hier dagegen. Die Geringschätzung nicht-agrarischer Tätigkeiten treffe allenfalls für römische Senatoreneliten zu, wobei generell einzelne Unternehmer Respekt bekamen. Die institutionellen Infrastrukturschwächen, bei Finley vorwiegend in der Nichtexistenz von Banken und einem nur kurzfristigen Exportgewinn, schwächt Pleket mit dem Argument ab, dass es diese auch in der vorindustriellen Zeit nicht gegeben habe. Die Unterentwicklung von Rechtsnormen habe laut Pleket nicht zur Folge, dass sich daraus Nachteile für den Handel ergeben haben, wobei hier die Primitivisten anführen, dass die Quellenlage keine gesicherten Informationen biete.13 Auch verglich er eine Ähnlichkeit der Wertsysteme römischer Eliten und der Eliten des französischen Adels, wobei er hier eine Differenz zugesteht. Diese beruhe auf Unterschieden durch Zentralisierung, Verstädterung oder Bevölkerungswachstum. Am Ende sieht jedoch auch Pleket – trotz der Abschwächung des primitivistischen Modells – einen vergleichsweise bescheidenen Handel (auch er hebt den Verkehr von Luxuswaren hervor) und eine im Ansatz unterentwickelte Wirtschaft. Die nicht allzu großen Chancen auf eine Entfaltungsmöglichkeit der römischen Wirtschaft erkennt Pleket an, mit dem Verweis darauf, dass diese durch andere Faktoren, wie beispielsweise das Militär, bedingt waren, was das Wachstum eingrenzte.14

 

Empfohlene Zitierweise:

Weixelmann, Patrick (2011): Die Kontroverse über den Charakter der antiken Wirtschaft. In: JBSHistoryBlog.de. URL: http://jbshistoryblog.de [Zugriff: DD:MM:YYYY]

 


  1. Siehe Drexhage, H.-J.; Konen, H.; Ruffing, K.: Die Wirtschaft des Römischen Reiches (1. – 3. Jahrhundert). Eine Einführung. Berlin 2002, S. 20
  2. Vgl. Tschirner, M.: Moses I. Finley. Studien zu Leben, Werk und Rezeption. Marburg 1994, S. 69 ff.
  3. Vgl. Christ, K.: Von Gibbon zu Rostovtzeff. Leben und Werk führender Althistoriker der Neuzeit, Darmstadt 1989,  S. 334-349.
  4. Siehe Tschirner 1994, S.80.
  5. Vgl. Finley, M. I : Die antike Wirtschaft. München 1993, S. 9 f.
  6. Ebd., S. 10-13.
  7. Ebd., S.14.
  8. Ebd., S.15 f.
  9. Ebd., S.23.
  10. Ebd., S.24 – 28.
  11. Siehe Strobel, K.: Die Ökonomie des Imperium Romanum. Strukturen, Modelle und Wertungen im Spannungsfeld von Modernismus und Neoprimitivismus ; Akten des 3. Trierer Symposiums zur Antiken Wirtschaftsgeschichte. St. Katharinen 2002, S.1.
  12. Siehe Pleket, H.W.: Wirtschaft und Gesellschaft des Imperium Romanum. Wirtschaft, In: Vittinghoff, F. (Hrsg.).: Handbuch der europäischen Wirtschaftsgeschichte und Sozialgeschichte. Europäische Wirtschaftsgeschichte und Sozialgeschichte in der römischen Kaiserzeit, Bd.1, Stuttgart 1990, S. 25.
  13. Ebd., S.26-42.
  14. Pleket 1990, S.42-47.
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