Anknüpfend an die Darlegungen des Artikels: Die Kontroverse über den Charakter der antiken Wirtschaft soll die vom Vesuvausbruch zerstörte und wieder ausgegrabene kampanische Stadt Pompeji in den Zusammenhang der „Jahrhundertdebatte“1 eingeordnet werden. Es soll durch Beispiele verdeutlicht werden, inwiefern die These, dass  der Charakter der Römischen Wirtschaft eher dem Bild der Primitivisten ähnelt , auf Pompeji zutrifft und es muss die Frage geklärt werden, inwieweit Pompeji als Konsumentenstadt, was eher der primitivistischen Sichtweise entspräche, und inwieweit als Produzentenstadt, fungierte.

Die Vesuvstadt Pompeji
Die Vesuvstadt Pompeji

Will man nun Pompeji in den Kontext dieser Debatte einordnen und versuchen anhand der wirtschaftlichen Geschichte der Vesuvstadt Aussagen über den Primitivismus oder Modernismus zu treffen, muss zunächst untersucht werden, ob Pompeji eine Produzenten- oder Konsumentenstadt war, also „ein sich selbst versorgender oder aber von äußeren Zulieferungen abhängiger Organismus.“1 Die Primitivisten, insbesondere Weber, vertreten die These der Konsumentenstadt und gehen davon aus, dass Waren lokal produziert oder aus dem näheren Umland herangeschafft wurden und somit die Versorgung auf Grundlage einer Subsistenzwirtschaft gesichert wurde. Klar ist, dass im Umland von Pompeji viele Villae Rusticae zu finden waren, also Höfe, die zur Grundersorgung der Bevölkerung tauglich waren. Als Beispiel dafür gilt die Villa Boscoreale, in der Gerätschaften gefunden wurden, die auf eine groß angelegte Weinproduktion zurückzuführen sind. Die Tonfässer, die im Innenhof gefunden wurden, verdeutlichen, dass es sich hier wohl um eine Produktion handelte, die über eine lokale Versorgung hinaus ging. In Pompeji gab es außerdem Hinweise, dass Wein nicht nur auf lokaler Ebene gehandelt wurde.

Amphorenfunde in Pompeji

Auf Amphoren wurden Aufdrucke gefunden, die beispielsweise eine Zulieferung aus Sorrento2 oder Faustinum3 beweisen. Deutet dies auf einen überregionalen Güteraustausch hin, muss aber dennoch berücksichtigt werden, dass es sich bei Wein um ein Luxusgut handelt, welches besonders in Kampanien charakteristisch war. So schreibt Plinius in seiner Historia Naturalis davon, dass der so genannte „Pompejianer“ nur in Kampanien wächst.4 Primitivistisch argumentieren kann man außerdem, wenn man sich den Umfang dieser Produktionen anschaut, der auch „durch die Kaufkraft der meisten Menschen […] beschränkt[e]“5 wurde. So wird bei der Betrachtung pompejianischer Familien, wie den Holconii, klar, dass diese trotz des Weinverkaufs unter anderem nach Rom bei einem Umsatz von 7500 Sesterzen bei drei Assen pro Liter Wein zumindest keinen Handelskapitalismus mit dem Ziel einer Profitmaximierung betrieben, der alleinig für ihr Vermögen sorgte.6 Ein wichtiger Zulieferer der Villa Boscoreale ist indes Lucius Eumachius7, der auf saisonale Nachfrage Amphoren lieferte. In der restlichen Jahreszeit widmete er sich der „Herstellung von Ziegelsteinen oder Dachziegeln.“8 Genau diese Saisonalität indes weißt darauf hin, dass es keinerlei fabrikähnliche Produktion gab, die wiederum ein Signal einer modernistischen Auffassung wäre. Obwohl in Pompeji etliche tabernae gefunden wurden, die zeigen, dass in der Stadt nicht nur landwirtschaftliche Güter aus dem Umland produziert wurden, und es auch verschiedenste Berufe, wie Textilarbeiter9 (durch Graffiti belegt) oder Kleidungsausrüster10 gab, handelt es sich bei Pompeji eher um eine Mischform einer Produzenten- bzw. Konsumentenstadt.11

Pompeji

Trotz der unklaren Beantwortung der Frage, ob Pompeji eine Konsumenten- oder Produzentenstadt war, lassen diverse Quellen darauf schließen, dass eine primitivistische Position oder zumindest eine gemäßigte durchaus vertretbar ist. So wurden beispielsweise Kalender am Marktplatz in Pompeji gefunden, die darauf schließen lassen, dass dort in regelmäßigen Abständen regionale Zusammenkünfte stattfanden.12 Zwei Tatsachen spielen dabei eine wichtige Rolle: erstens fanden diese Zusammenkünfte nicht täglich statt (Pompeji war nur eine von vielen Städten) und zweitens waren sie zwar regional, aber nicht überregional. Dies stützt die primitivistische Sichtweise eines gemäßigten Handels. Eine weitere These der Primitivisten, dass Gewinne meist in Grundbesitz investiert wurden, was die Mentalität der Eliten sichtbar macht, wird beispielsweise durch Plinius13 bewiesen. Dieser gibt zu, fast sein gesamtes Vermögen in Grundbesitz investiert zu haben.14

Auch die Aussage Strabos15 über Pompejis Hafen, der Güter in Richtung Nola und Nucera transportiert, zeigt, dass der Handel regional eng begrenzt war. Eine weitere Quelle verdeutlicht die Praxis des Geldverleihens. Es gab tatsächlich Geldverleiher, die Kredite vergaben und Zinsen zurück forderten. So verlieh ein Mann namens Faustilla Geld, was auf einem Graffiti16 deutlich wird. Allerdings waren die Summen sehr bescheidener Natur und vergleichsweise nicht mit denen der Moderne gleichzusetzen. Diese Quellen zeigen allesamt, dass es zwar bestimmte Strukturen durchaus gab, sie als modern aufzufassen allerdings nicht gültig sein kann.

Ein abschließendes Fazit dieses Artikels soll dazu dienen, die Grundgedanken, welche die eingangs aufgestellte These umfassen, einer finalen Bewertung zu unterziehen. War die Kontroverse um den Charakter der antiken Wirtschaft zunächst davon geprägt grundsätzliche Positionen darzulegen und hatte sie gerade in der Anfangsphase den Ruf, politisch instrumentalisiert zu sein, manifestierten sich mit der Zeit doch zwei Richtungen, die die Wirtschaft der Römer nicht unterschiedlicher einschätzen konnten. Gerade aber die primitivistische Sichtweise scheint das realistischere Bild der damaligen Verhältnisse zu zeichnen. Einerseits ist meines Erachtens nach ein Vergleich der Antike und der Moderne allein schon aufgrund völlig unterschiedlicher technischer, infrastruktureller und industrieller Standards unzulässig, andererseits sind es die Methoden, die einer breiten Kritik zu unterziehen sind. Eine Quellensammlung allein lässt keine zwingenden Schlüsse zu und entzieht sich letztlich einer Synthese. Die von den Primitivisten geforderte Interpretierbarkeit lässt daher erst recht diese quantitative Sicht scheitern. So lässt sich, wie bereits bei Jacques/Scheid, das „Versagen ausschließlich positivistischer Ansätze“17 konstatieren.  Jedoch zeigen gerade die Zwischenpositionen, dass auch der Primitivismus seine Schwächen hat. Die Sichtweise, der Wirtschaft des Spätmittelalters ebenfalls einen Qualitätsunterschied zuzuschreiben, hinkt, weil doch etliche Parallelen nachgewiesen wurden. Konzentriert man sich auf die alleinige Unterscheidung zur Moderne, kommen primitivistische Theorien stärker zur Geltung, weshalb die Tendenz zu einer „Sichtweise dazwischen mit Hang zum Primitivismus“ als akzeptabel erscheint.

Ordnet man Pompeji in diesen Zusammenhang ein, fällt auf, dass dort sowohl für modernistische, als auch für primitivistische Einstellungen Quellen zu finden sind. Es ist unsicher, ob Pompeji eine Konsumenten- oder Produzentenstadt war. Auch hier kommt es auf die Interpretation an. Dennoch lässt sich aufgrund des Quellenbefundes vermuten, dass dort zwar viele Dinge hergestellt wurden, aber nicht im ausreichenden Maße, um einen effektiven Handel nach außen in die überregionale Ebene hin zu betreiben. Daher dürfte es sich bei Pompeji eher um eine Konsumentenstadt gehandelt hat, womit sich die primitivistische Sichtweise über die Antike bestätigt.

Empfohlene Zitierweise:

Weixelmann, Patrick (2011): Der Charakter der antiken Wirtschaft von Pompeji. In: JBSHistoryBlog.de. URL: http://jbshistoryblog.de [Zugriff: DD:MM:YYYY]

Die Bilder werden mit freundlicher Genehmigung des Urhebers aufgeführt.

Bibliographie:

der Charakter der Römischen Wirtschaft eher dem Bild der Primitivisten ähnelt.
  1. Dickmann, J.-A.: Pompeji. Archäologie und Geschichte. Orig.-Ausg. München 2005, S.78.
  2. CIL IV 5521, in:  Cooley, A. E; Cooley, M. G. L.: Pompeii. A sourcebook. London 2007. S.161.
  3. CIL IV 2553, in Cooley, S. 161.
  4. Plin. d. Ä.: Nat. Hist. 14.35.
  5. Jacques, F.; Scheid, J.: Rom und das Reich. Staatsrecht, Religion, Heerwesen, Verwaltung, Gesellschaft, Wirtschaft. Hamburg 2008, S.413.
  6. Dickmann, J.-A.: Pompeji. Archäologie und Geschichte. München 2005. S. 80.
  7. CIL X 8042.47, in: Cooley, S.172.
  8. Ebd. S. 83.
  9. CIL IV 9109, in: Cooley, S.180.
  10. CIL IV 3130, in: Cooley, S.176.
  11. Dickmann 2005, S. 78-88, vgl. auch Jacques 2008, S. 417 ff.
  12. CIL IV 8863, in : Cooley, S.160.
  13. Plin. Ep. 3,19.
  14. Drexhage, H.-J.; Konen, H.; Ruffing, K.: Die Wirtschaft des Römischen Reiches (1. – 3. Jahrhundert). Eine Einführung. Berlin 2002. S. 231.
  15. Strabo, Geography 5.4.8.
  16. CIL IV 4528, in: Cooley 2007, S.170.
  17. Jacques 2008, S.317.
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