Man geht nach dem heutigen Forschungsstand davon aus, dass im Norddeutschen Raum um 1800 periodisierende Berichterstattungen und Informationsaustausch über die Französische Revolution in allen gesellschaftlichen Gruppierungen stattgefunden haben. Ein wichtiger Informationskanal für die Berichterstattung der Geschehnisse aus Frankreich war das Pressewesen, das mit der regelmäßigen Publizierung von Zeitschriften, Journalen, Wochenblättern, Intelligenzblättern sowie weiteren Schriften, breite Bevölkerungskreise mit aktuellen Informationen erreichte.

Die Zeitungen und regelmäßig erscheinenden Schriften im norddeutschen Raum hatten schon um 1800 die höchsten Auflagezahlen und sprachen vor allem die Gesellschaftsstände der Bauern, dem städtischen Bürgertum und dem gehobenen Bürgertum an. Laut einem Bericht in dem Bremer „Geographisch-historischen Wochenblatt zur Erläuterung der Begebenheiten des Tages“ wurde das Medium der Zeitung um 1800 vom Leser als äußerst lehrreich und zugleich unterhaltend wahrgenommen.1 Zeitungsleser konnten demnach Informationen und Berichte beziehen, die sie an wichtigen Ereignissen in anderen Ländern teilhaben ließen.

Im Rahmen dieses Artikels soll eine Quellenuntersuchung von zwei Auszügen von zeitgenössischen Zeitungsberichten vorgenommen werden, die in dem Jahr 1789 und 1792 in der norddeutschen Zeitung „Altonaer Mercurius“ publiziert wurden. Für die Quellenkritik sollen die in den Quellen dargestellten Sachverhalte mit dem aktuellen Forschungsstand und der Fachliteratur von Hans-Ulrich Thamer und Wolfgang Kruse in den historischen Kontext eingeordnet und ihre historische Genauigkeit überprüft werden. Das Ziel dieser Quellenuntersuchung ist es, aufschlussreiche Erkenntnisse über die zeitgenössische Berichterstattung der Französischen Revolution durch den „Altonaer Mercurius“ zu gewinnen.

Im Folgenden sollen zwei ausgewählte Auszüge aus Zeitungsartikeln des „Altonaischen Mercurius“ quellenkritisch untersucht werden. Vorab sollen aber wichtige allgemeine Angaben über die zu untersuchende Zeitung vorgestellt werden.

Die Zeitung „Altonaischer Mercurius“ wurde 1688 von Christian Reimers gegründet und bestand bis 1875.2 Von 1727 bis 1754 war die Zeitung sechsmal einer Namensumbenennung durch ihre wechselnden Verleger unterworfen.3 Sie war von jeher ein Nachrichtenblatt, das vor allem im 18. Jahrhundert für seine politischen, diplomatischen und militärischen Berichterstattungen überaus bekannt war. Hinzugefügt wurden neben vereinzelten Lokalmeldungen auch Anzeigen von Lotterie, Geld- und Wechselkursen sowie Getreidepreisen. Ab 1757 wurde ein zusätzlicher Beitrag zum Altonaischen Mercurius, hinzugefügt, der später „Supplement“ genannt wurde. Die Seitenanzahlen jeder Ausgabe lagen von 1688 bis 1812 bei 10-19 Seiten. Bis 1727 erschien die Zeitung zweimal wöchentlich und danach viermal wöchentlich.

Berichtet wurde im Wesentlichen durch verschiedene Korrespondenzen und zwei bekannte Korrespondenten, Christoph Gottlieb Wendt und Rochus Rohde, die zeitgenössisch nicht für qualitativ hochwertige Berichterstattung bekannt waren.4 Zudem imitierten frühe Ausgaben des Mercurius die grafische Gestaltung konkurrierender Blätter aus Hamburg und Schiffbek, was zu heftigen  Auseinandersetzungen mit anderen Verlegern führte.5 Die Zeitung wurde außerdem wegen seiner revolutionsfreundlichen Berichte mehrfach heftig kritisiert, obgleich die politische Abhängigkeit von Dänemark überaus deutlich übermittelt wurde.6 Der Leserkreis des „Mercurius“ bestand vor allem aus dem oberen Bürgertum7 Bielefeld 1996. S. 249.] und erstreckte sich von Altona, Hamburg und Dänemark, über das gesamte deutsche Reich.

Ein Schreiben aus Paris vom 14. Juli 1789

In der Ausgabe des „Altonaischen Mercurius“, No. 118 vom Freitag, den 24. Juli 1789 schreibt ein unbekannter Korrespondent einen Bericht aus Paris vom 14. Juli 1789. Der Schreiber legt einen Bericht von der Nationalversammlung vor, die sich in Versailles tagend, in einer „Adresse“ an den König wendet und ihn auffordert „die abgedankten Minister zurückrufen, die neuernannten, welche das Zutrauen des Publicums nicht hätten, wieder entfernen, zugleich die Truppen zum Rückzuge beordern und zur Aufrechterhaltung der Polizen eine Militair Miliz zu Paris […]“ zu errichten. Als diese Forderungen abgelehnt werden kommt es zu militärischen Auseinandersetzungen zwischen dem „Pöbel“ bzw. 15000 Personen der „Bürger Miliz“ und den „Nationalgarden“, die 1500 Menschen das Leben gekostet haben soll. Dabei wurden „die Läden geschlossen“, „das Zuchthaus wurde gestürmt“ und weitere Truppen „zur Erhaltung der Ruhe und Ordnung in die Gegend der Hauptstadt“ gesammelt.8

Nach erster Betrachtung der Quelle erscheint es problematisch, dass kein Autor des Schreibens ermittelbar ist. Auffällig ist, dass der Korrespondent besonders die militärischen  Geschehnisse („Auch das Zuchthaus wurde gestürmt“9) in relativ kurzen Spannungserzeugenden Sätzen darstellt. Typisch für den „Mercurius“ erscheint hierbei, dass vorwiegend militärische und politische Dinge geschildert werden. Weiterhin legten Hamburger und Altonaer Zeitschriften in ihren Berichterstattungen einen Schwerpunkt auf die Nationalversammlung 10, die hier anscheinend befremdlich für den Schreiber, mit einem Vergleich zu England beschrieben wird. Die dargestellten Sachverhalte werden mit wechselnden Schauplätzen (Paris, Versailles, Champ de Mars, Kirche, St. Denys , Türme, Zuchthaus) und verschiedenen Parteiungen (König, Pöbel, Bürger Miliz, „Polizen“, „Depurtirte”, Nationalversammlung), mit Angaben von Personenzahlen sowie mit einem Zitat des Königs übermittelt. Es entsteht dabei ein recht chaotisches Bild der Geschehnisse, die vom Schreiber nicht durch zusätzliche Hintergrundinformationen erläutert werden. Es findet sich lediglich ein kurzer Hinweis am Ende des Briefes: „Man sehe den Artikel Altona“. 11. Der Schreiber muss für die Erstellung dieses Schreiben einen guten Überblick oder verschiedene andere Korrespondenzen gehabt haben. Zusätzlich muss die damalige Leserschaft gut im Bilde über die politischen Hintergründe der Revolution gewesen sein, um dieses Schreiben zu verstehen.

Es ist für die pragmatische Quelleninterpretation 12 daher notwendig dieses Schreiben anhand des aktuellen Forschungsstandes in den historischen Kontext einzuordnen, um den ungefähren damaligen Sachverhalt zu rekonstruieren und Kausalzusammenhänge zu ermitteln, die für die abschließende Quellenkritik notwendig sind.

Das heutige Mahnmal auf dem Platz der ehemaligen Bastille in Paris

Das heutige Mahnmal auf dem Platz der ehemaligen Bastille in Paris

Im Vorfeld der in der Quelle geschilderten Tumulte im unruhigen Paris, stand am 5. Mai 1789 die Einberufung der Generalstände („Depurtirten“), die aufgrund der desolaten wirtschaftlichen und finanziellen Lage Frankreichs, vollzogen wurde.13 Durch verschiedene Kriege stand der Staatsbankrott Frankreichs kurz bevor und die verschiedenen Protestbewegungen aus dem aufstrebenden Bürgertum, der bäuerlichen Landbevölkerung, dem unteren städtischen Bürgertum sowie von Teilen des Adels und dem Klerus waren mit den Reformvorschlägen vom Finanzminister Jaques Necker und dem König höchst unzufrieden.14 2München 2006. S. 29-30.] Die vom dritten Stand am 17. Juni 1789 einberufene Nationalversammlung in Versailles sollte dem Staat und allen Ständen eine neue Verfassung und politische Ordnung geben. Der König versuchte diese mehrfach abzusetzen und zog mit Truppen gegen die Bürger und Anhänger der Nationalversammlung, wie es auch in der Quelle dargestellt wurde. Am 12. Juli wurde der Minister Necker abgesetzt und die Nationalgarde setzte daraufhin zum militärischen Schlag gegen die Nationalversammlung. Die in der Quelle nur nebensächlich erwähnte Bestürmung der Bastille („Zuchthaus“) mit ihrem Munitionsarsenal verlieh, laut Kruse, „der politischen Bewegung einen neuen, revolutionären Charakter.“15 Revolutionär waren für den Schreiber sicherlich alle militärischen Aktionen des Pöbels gegen die staatliche Obrigkeit, denn laut Kruse wurden noch weitere Waffenarsenale gestürmt.16 Doch umso beeindruckender muss der Rückzug der staatlichen Truppen für den Schreiber und die Leserschaft der Quelle gewesen sein: „Drei […] Regimenter auf dem Champ de Mars legten die Waffen nieder und zogen ab. Zwei Nationalregimenter  desertirten von St. Denys […]. Alle Läden waren geschlossen und von allen Thürmen wurde gestürmt.“ Diese Pariser Geschehnisse waren ein Auslöser für weitere städtische und ländliche Aufstände in Frankreich gegen die Obrigkeit.17

Als abschließende Ergebnisse der Quellenuntersuchung  kann man festhalten, dass das Schreiben aus Paris inhaltlich durchaus im Einklang mit dem heutigen Forschungsstand steht18. Dabei lassen sich militärisch-politische Geschehnisse wie die Gewaltsame Auflehnung gegen die staatliche Obrigkeit und das Gründen einer konterstaatlichen Nationalversammlung als zentrale Darstellungen der Quelle entnehmen. Obwohl man in Hamburg und Altona bestens durch langjährige Berichterstattungen über Frankreich informiert war19, stellte die Nationalversammlung, die im klaren Gegensatz zu den deutschen Gesetzen stand; und die Auflehnung des Volkes gegen die staatliche Obrigkeit, für die norddeutsche Leserschaft eine höchst brisante und revolutionäre Thematik dar. Ungeklärt bleiben aber dennoch die Frage des Autors und die Angabe der der in den Tumulten getöteten Menschen, die nicht gründlich überprüft werden können.

weiter zu Teil II

Empfohlene Zitierweise:

Blümel, Jonathan (2011): Zeitgenössische Zeitungsberichte über die Französische Revolution (Teil I). In: JBSHistoryBlog.de. URL: http://jbshistoryblog.de [Zugriff: DD:MM:YYYY]

Der Urheber für die aufgeführten Bilder ist Jonathan Blümel.

 

Bibliographie:

 

 

  1. Vgl. Möllney, Ulrike: Norddeutsche Öffentlichkeit und Französische Revolution, in: Böning, Holger: Französische Revolution und deutsche Öffentlichkeit – Wandlungen in Presse und Alltagskultur am Ende des 18. Jahrhunderts (Deutsche Presseforschung Band 28). München 1992. S. 151f.
  2. Böning, Holger; Nagel, Michael; Weber, Johannes (Hrsg.): Periodische Presse. Kommunikation und Aufklärung. Hamburg und Altona als Beispiel. (Presse und Geschichte – Neue Beiträge Band 6) Bremen 2002. S. 36-41.
  3. Vgl. Böning; Moepps: Deutsche Presse. S. 23-43.
  4. Böning, Holger; Moepps, Emmy (Hrsg.): Deutsche Presse Altona : Bergedorf – Harburg – Schiffbek – Wandsbek ; kommentierte Bibliographie der Zeitungen, Zeitschriften, Intelligenzblätter, Kalender und Almanache sowie biographische Hinweise zu Herausgebern, Verlegern und Druckern periodischer Schriften. (Bibliographische Handbücher zur Geschichte der deutschsprachigen periodischen Presse von den Anfängen bis 1815, Band 2). Stuttgart – BadCannstatt 1997. S. 23-43.
  5. Vgl. Böning, Holger; Nagel, Michael; Weber, Johannes (Hrsg.): Welteroberung durch ein neues Publikum. Die deutsche Presse und der Weg zur Aufklärung. Hamburg und Altona als Beispiel. (Presse und Geschichte – Neue Beiträge Band 5) Bremen 2002.S. 64-67.
  6. Vgl. Böning: Periodische Presse. S. 108.
  7. Möllney, Ulrike: Norddeutsche Presse um 1800: Zeitschriften und Zeitungen in Flensburg, Braunschweig, Hannover und Schaumburg-Lippe im Zeitalter der Französischen Revolution. [Studien zur Regionalgeschichte, Band 8
  8. Siehe: Aus einem Schreiben aus Paris, vom 14. Juli, 1789 in: Altonaischer Mercurius, No. 118 vom Freitag, den 24 Juli. Erschienen in: Altonaischer Mercurius 1789 Juli-Sept. S. 1507-1508.(SUB Hamburg, Signatur X/1991)
  9. Siehe: Aus einem Schreiben aus Paris, vom 14. Juli, 1789 in: Altonaischer Mercurius, No. 118 vom Freitag, den 24 Juli. Erschienen in: Altonaischer Mercurius 1789 Juli-Sept. S. 1507-1508. (SUB Hamburg, Signatur X/1991)
  10. Vgl. Böning. Periodische Presse. S. 107.
  11. Siehe: Aus einem Schreiben aus Paris, vom 14. Juli, 1789 in: Altonaischer Mercurius, No. 118 vom Freitag, den 24 Juli. Erschienen in: Altonaischer Mercurius 1789 Juli-Sept. S. 1507-1508. (SUB Hamburg, Signatur X/1991)
  12. Vgl. Jordan, Stefan; Landwehr, Joachim (Hrsg.): Theorien und Methoden der Geschichtswissenschaft – Orientierung Geschichte. UTB: Bachelor Bibliothek Paderborn u.a. 2009. S. 47.
  13. Vgl. Schulin, Ernst: Die Französische Revolution. 4München 2004. S. 132f.
  14. Vgl. Thamer, Hans-Ulrich: Die Französische Revolution. [Beck’sche Reihe
  15. Siehe Kruse, Wolfgang: Die Französische Revolution. Paderborn u.a. 2005. S. 16.
  16. Vgl. Kruse 2005 S. 15-20.
  17. Siehe: Aus einem Schreiben aus Paris, vom 14. Juli, 1789 in: Altonaischer Mercurius, No. 118 vom Freitag, den 24 Juli. Erschienen in: Altonaischer Mercurius 1789 Juli-Sept. S. 1507-1508. (SUB Hamburg, Signatur X/1991)
  18. Anm.: Gewisse detaillierte Beschreibungen der Quelle lassen sich in diesem Rahmen nicht weiter überprüfen, aber in der Grundaussage widerspricht die Quelle keinesfalls dem heutigen Forschungsstand.
  19. Vgl. Böning: Periodische Presse. S. 105ff.
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