In der Ausgabe des „Altonaischen Mercurius“, No. 150 vom Dienstag, den 18. September schreibt wiederum ein unbekannter Korrespondent einen Bericht aus Paris vom 10. September 1792. Der Verfasser führt das Schreiben ein, indem er berichtet wie Staatsgefangene aus Orleans in das Gefängnis in Versailles („Menagerie“) überführt werden sollten. Sie wurden aber vom wütenden Volk bedrängt und ermordet. Der Schreiber berichtet, dass „Hier in der Haupstadt, wosselbst viele unserer ehemaligen Excellente als Spione von den auswärtigen Armeen angekommen seyn sollen, hat die Municipalität binnen 2 Tage 120 verdächtige Personen arrestieren lassen.“ Auffällig ist hier, dass der Autor des Schreibens aus der Sicht derer die „gemeinschaftlich für Sicherheit der Personen und des Eigenthums“ sorgen wollen, berichtet. Diese erleben wie ganze Familien „besonders vom wohlhabenden Teile der Einwohner“ aus Paris fortziehen. Diese „harte Auswanderung“ und die Auswandernden sah der Autor verantwortlich für die sich vermutlich damals anbahnende Zerstörung von Paris. Weiterhin stellt er die „eifrigen Jacobiner“ dar, die behaupteten den Feind mit „60000 Franzosen“ von der Hauptstadt abhalten zu können. Der Feind stellte vermutlich die auswärtigen Armeen dar, die nach Paris Spione geschickt haben sollen.1

Auch in dieser Quelle lassen sich nach der ersten Betrachtung aufschlussreiche Hinweise für die Quellenuntersuchung sammeln. Ungeklärt bleibt die Abkürzung „N. B.“, die vermutlich als politische Gruppierung das Leben der Staatsgefangenen retten wollten. Der Bericht scheint nach erster Betrachtung sehr knapp und mit vielen unterschiedlich, kurz abgehandelten Erzählsträngen (Ermordung der Häftlinge, „Sectionen“ wollen für Sicherheit sorgen, Auswanderung aus Paris, Bedrohung durch feindliche Truppen). Der Verfasser schreibt anscheinend bewusst parteiisch, vermutlich als Mitglied der Bürger Miliz, die in Paris ein Lager errichtete und beschreibt die Jakobiner, aus einer distanziert wirkenden Position, als eifrig. Dies lässt vermuten, dass er nicht den Jakobinern angehörte, aber mit ihnen grundsätzlich sympathisierte. Er berichtet vorwiegend von militärisch-politischen Geschehnissen wie der Ermordung der Gefangenen und der geäußerte Plan zur Abwehr der feindlichen Truppen von Paris und fällt damit in das typische Raster von militärisch-politischen Geschehnissen, über die im „Altonaischen Mercurius“ meistens berichtet wurden.2

An dieser Stelle soll wiederum dieses Schreiben anhand des aktuellen Forschungsstandes in den historischen Kontext eingeordnet werden, um den damaligen ungefähren Sachverhalt zu rekonstruieren und Kausalzusammenhänge zu erkennen, die für die abschließende Quellenkritik notwendig sind.

In der 1792 schon weiter fortgeschrittenen Französischen Revolution formierte sich eine Art Überwachungssystem der Aufständischen („Municipalität“), die wegen der Bedrohung von feindlichen österreichisch-preußischen Truppen unter dem Oberfehl vom Herzog aus Braunschweig alle verdächtigen Personen, möglichen Spione und konterrevolutionäre Bewegungen in Frankreich festnahmen. Bei dem sogenannten Septembermassaker, von dem die Quelle berichtet, wurden 1300 Insassen im Versailler Gefängnis durch das wütende Volk hingerichtet. Diese „Volksjustiz“3 , die von den Jakobinern als Sieg über die konterrevolutionären Bewegungen propagierte wurde, wiederholte sich in mehreren Städten Frankreichs. Der Hintergrund dieses Massakers war laut Kruse4., der Einmarsch der österreichisch-preußischen Truppen über die Grenze Frankreichs und die Annahme, dass die inhaftierten Pariser Gefangenen mit dem Feind kooperiert hätten. Der Jakobinerklub, den die Quelle erwähnt, vertrat zur Zeit der Bedrohung der Revolution 1792, die Position, dass gegen den „europäischen Despotimus“ und konterrevolutionäre Truppen aus Österreich und Preußen angekämpft werden müsse, um die Revolution zu retten.5 Diese kampfbereite Position der Jakobiner und ihre Eifrigkeit überliefert der Schreiber auch in der Quelle.

Als abschließendes Ergebnis der Quellenuntersuchung lässt sich festhalten, dass auch in diesem Auszug aus dem „Altonaischen Mercurius“ politisch-militärische Geschehnisse wie ein Massaker oder die Bedrohung durch eine militärische Invasion im Zentrum der Berichterstattung standen. Diese wurden bewusst aus einer politischen Sichtweise des Autors dargestellt, die weder der Jakobinischen, noch einer revolutionsfeindlichen Bewegung angehörte, sondern vielmehr einer gemäßigten revolutionären Bürgerbewegung. Auch diese Quelle ist mit dem heutigen Forschungsstand durchaus in Einklang zu bringen. Die Umschreibungen wie „Blutbad“ und „die harte Auswanderung“ , „eifrige Jacobiner“ und „den Feind […] von der Hauptstadt abhalten“ unterstreichen die Absicht des Autors Bewertungen über die Geschehnisse in Frankreich abzugeben und an die Leser in den deutschen Gebieten zu überliefern. Im Mittelpunkt seiner Darstellungen steht hierbei die Position der Jakobiner, die als eifrig und kampfbereit beschrieben werden. Vermutlich hatte sich der „Altonaische Mercurius“ um 1792 in der norddeutschen Presselandschaft politisch positioniert und berichtete daher tendenziell eher revolutionsfreundlich.6

Fazit

Zum Abschluss dieser Quellenuntersuchung kann festhalten, dass die ausgewählten zeitgenössischen Zeitungsberichte sich mithilfe der Fachliteratur in den historischen Kontext einordnen lassen und sich, obwohl kein Autor des Schreibens ermittelbar ist, bezüglich der historischen Genauigkeit keine nennenswerten Abweichungen vom heutigen Forschungsstand feststellen lassen. Beide Quellen weisen für die Berichterstattung des „Altonaer Mercurius“ typische Merkmale auf. Sie berichten über politisch-militärische Geschehnisse, wie die Nationalversammlung in der Quelle von 1789, der Jakobiner Partei in der Quelle von 1792 oder von militärischen Gefechten, die in den Berichten beider Quellen enthalten sind. Beide Quellen sind nicht selbsterklärend geschrieben, sondern erfordern ein umfassendes Hintergrundwissen, um überhaupt verstanden zu werden. Dies wird durch das Aufzählen von unterschiedlichen Handlungssträngen, Abkürzungen, Fachbegriffen wie „Deputirte“ und Orten wie Champ de Mars, die für einen ungebildeten Leser sicherlich nicht geläufig waren, deutlich. Diese Vorbildung, durch ein gut funktionierendes Pressewesen, war in Norddeutschland und Hamburg und Altona zur Zeit der Französischen Revolution aber durchaus gegeben.

Als auffälligstes Ergebnis von der Quellenuntersuchung kann die Art der Berichterstattung bei dem Zeitungsbericht von 1792 genannt werden. Dieser war ganz offensichtlich von einem aktiv am Revolutionsgeschehen Beteiligten verfasst, der diesen mit einer politisch eher revolutionsfreundlichen Gesinnung abgefasst hat. Man kann daher vermuten, dass sich der „Altonaer Mercurius“ schon 1792 politisch in der norddeutschen Presselandschaft positioniert hat. 1795 schreibt Alfred Wittenbrink an Victor Ludewig Klopstock, dessen Bruder, der Dichter Friedrich Gottlieb Klopstock zum „Freund der Französischen Revolution“ mit französischem Bürgerrecht wurde. „Nun mußte die französische Partey aufs eyfrigste ergriffen, nun mußte der altonaische Mercur treufleissig nachgeschrieben werden.[…] Von Berlin liefen Klagen ein, der kaiserliche Minister beschwerte sich […]: Wir schreiben für Deutsche, nicht für Franzosen; jenen müssen wir gefallen, nicht diesen.“ Noch 1798 wurde der „Altonaer Mercurius“ für seine revolutionsfreundlichen Berichte stark kritisiert und vom Preußischen Abgesandten aus Hamburg fast in Preußen verboten.7

 

Empfohlene Zitierweise:

Blümel, Jonathan (2011): Zeitgenössische Zeitungsberichte über die Französische Revolution (Teil II). In: JBSHistoryBlog.de. URL: http://jbshistoryblog.de [Zugriff: DD:MM:YYYY]

Bibliographie:

  1. Siehe: Aus einem Schreiben aus Paris, vom 10. September, 1792 in: Altonaischer Mercurius, No. 150 vom Dienstag, den 18. September. Erschienen in: Altonaischer Mercurius 1792, Band 2.  S. 2058-2061.(SUB Hamburg, Signatur X/1991)
  2. Siehe: Aus einem Schreiben aus Paris, vom 10. September, 1792 in: Altonaischer Mercurius, No. 150 vom Dienstag, den 18. September. Erschienen in: Altonaischer Mercurius 1792, Band 2.  S. 2058-2061.(SUB Hamburg, Signatur X/1991)
  3. Siehe: Aus einem Schreiben aus Paris, vom 10. September, 1792 in: Altonaischer Mercurius, No. 150 vom Dienstag, den 18. September. Erschienen in: Altonaischer Mercurius 1792, Band 2.  S. 2058-2061.(SUB Hamburg, Signatur X/1991)
  4. Vgl. Kruse, Wolfgang: Die Französische Revolution. Paderborn u.a. 2005. S. 29-32.
  5. Vgl. Thamer, Hans-Ulrich: Die Französische Revolution. (Beck’sche Reihe) München 2006. S. 56.
  6. Siehe: Aus einem Schreiben aus Paris, vom 10. September, 1792 in: Altonaischer Mercurius, No. 150 vom Dienstag, den 18. September. Erschienen in: Altonaischer Mercurius 1792, Band 2.  S. 2058-2061. (SUB Hamburg, Signatur X/1991)
  7. Siehe Böning, Holger; Nagel, Michael; Weber, Johannes (Hrsg.): Periodische Presse. Kommunikation und Aufklärung. Hamburg und Altona als Beispiel. (Presse und Geschichte – Neue Beiträge Band 6) Bremen 2002. S. 108.
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