Der Deichbau war seit jeher ein Gemeinschaftswerk der Anwohner des Alten Landes, daher musste schon zu Beginn des Altländer Deichwesens jeder Anwohner des Alten Landes das Deichstück warten und unterhalten, welches direkt an sein Grundstück anschloss. Dieses frühe und einfache Prinzip der „Anschussdeichung“ beruhte auf dem Grundsatz: „Kein Land ohne Deich, kein Deich ohne Land“.1 Die anfallenden Kosten für das Deichwesen (Material etc.) mussten von den Deichinteressenten selbst getragen werden. Zusätzlich kamen hohe Steuergelder, die die meist sehr wohlhabenden Altländer aufbringen mussten.2 Nach Deichbrüchen durch Sturmfluten und Überschwemmungen, die immer wieder auftraten, mussten die Anwohner sich durch das ungeschriebene Gesetz der Nachbarschaftshilfe gegenseitig aushelfen um ihren Deich wieder instand zu setzen. Aus diesen frühen Formen der organisierten Deichgenossenschaften bildeten sich  laut Siemens3 „Geschworenenschaften oder Schwarenschaften […] denen besondere Deichgeschworene vorstanden.“4 Die Kompetenzen der Geschworenen in der Kolonisationszeit „galten dem Deich-, sowie dem Gerichts- und Verwaltungswesen“. Unter diesen gab es auch Deichgeschworene, die, „wo Deichverbände und Gerichtsbezirke auseinanderfielen“ sich speziell um das Deichwesen kümmerten.5 Die Geschworenen waren in der Kolonisationszeit vermutlich von der Landesherrschaft unabhängig und waren vor allem Vertreter der Gemeinden in den Hollernkolonien des Altländer Sietlandes. Diese Institutionen der Geschworenenschaften wurden mit voranschreitender Kolonisation und Eindeichung auch auf das Hochland übertragen. Die aus den „Siedlungsgemeinden im Sietland“ entstandenen Gerichtsbezirke und Kirchspiele formierten sich dann zusammen mit weiteren kleineren Einheiten, „die Aufgaben im Deich- und Entwässerungswesen wahrnahmen“ , zu Deichrichterschaften, die sich dann wiederum zu den späteren drei Deichverbänden der Drei Meilen zusammenschlossen.6 Dieser Zusammenschluss erfolgte wahrscheinlich um 1400 und parallel zum Prozess der Umstellung von der „Anschussdeichung“ auf die „Kabeldeichung“, bei der die Deichlast sich nach der Größe der Ländereien des Deichpflichtigen richtete und jeder eine entsprechend lange Deichkabel zu unterhalten hatte.7 Die drei Deichverbände der einzelnen Meilen waren wiederum in Deichrichterschaften unterteilt, die mit jeweils einem Deichrichter und zwei bis vier Deichgeschworenen besetzt waren und ihre Beamten in die „Meilversammlung“ entsendeten, die als konstitutives Organ  des „Meildeichverbandes“ die rechtlichen Interessen der gesamten Meile wahrte. Die rechtliche Grundlage der Deichverbände beruhte auf dem ungeschriebenen „Altländer Deichrecht und daraus wachsende[n] Urteile[n].“8 Den Beamten der Deichverbände waren die jeweiligen Landesherren wie die Vögte, Bischöfe und Grafen übergeordnet, vor denen die Deichverbände Rechenschaft über das Deichwesen mit den anfallenden Kosten („Jahresmeilrechung“) und nötigen Deichbauarbeiten ablegen mussten.9

Das Amt des Deichgeschworenen durfte jeweils ein Jahr lang von eher wohlhabenden Altländern ausgeführt werden, die nicht gewählt wurden, sondern sich reihum abwechselten. Bei gemeinschaftlichen Deicharbeiten führten die Deichgeschworenen die Aufsicht und hatten die Pflicht der „Deichschau“, bei der 2-3 Mal jährlich in einer sehr traditionellen Form die Deiche überprüft wurden. Gegebenenfalls wurden auch Strafen verhängt, um Defizite in der Deicherhaltung seitens der Grundstückbesitzer zu ahnden und notwendige Ausbesserungsarbeiten zu erwirken. Bei der „Deichschau“ gab es wiederum zwei unterschiedliche Varianten: Bei der sogenannten „Gräfenschau“ inspizierten die Grafen bzw. die Landesherren zusammen mit den Deichbeamten die Deichstücke und verhängten gegebenenfalls auch Strafgelder. Bei der „Fünfundzwanzigerschau“ „ohne landesherrliche Beteiligung“10 standen den Deichbeamten drei verschiedene Arten von Strafen zur Verfügung: Sie konnten Geld- oder Naturalbußen  verhängen (z.B. eine Tonne Bier) oder pfändeten Besitztümer, die innerhalb von 14 Tagen eingelöst werden mussten – andernfalls wurden sie verkauft. Als besonders harte Strafe galt die Strafe mit der Mistforke, bei der ein Deichinteressent aufs Bein geschlagen wurde.11 Die Strafen der Deichbeamten hatten meistens erhebliches Ausmaß und wurden oftmals sehr willkürlich verhängt.12 Diese Art der Deichschau war immer wieder mit ausgelassenen Trinkgelagen und vielen Gewaltausbrüchen gegen diejenigen verbunden, die es wagten die Deichschau in irgendeiner Form zu stören.13 Als Hauptgründe für mangelhaft ausgeführte Deicharbeit wurden von den Deichinteressenten die Verpflichtungen beim eigenen landwirtschaftlichen Betrieb sowie der Militärdienst angeführt.14

Wenn ein Grundstücksbesitzer nicht mehr im Stande war seinen Deichabschnitt instand zu halten, wurde vom Deichverband das durch Quellen von 1386 bis 1686 belegbare Spatenrecht angewendet, bei der ein Spaten in den Deichabschnitt hineingesteckt wurde. Wenn der Besitzer weiter deichen wollte, musste er diesen wieder herausziehen. Wenn nicht, dann konnte der Deichinteressent freiwillig aus dem Deichverband austreten. Andernfalls wurde er zwangsweise aus dem Deichverband ausgeschlossen, sein Grundstück enteignet und er musste das Alte Land verlassen. Das zurückgebliebene Grundstück wurde dann unter den Deichinteressenten verteilt.15

Die Deichpflicht, die für alle Bewohner und Grundstücksbesitzer im Alten Land gleichermaßen galt, setzte auch in Bezug auf das Deichbauwesen dieselbe Rechtslage  für vollkommen unterschiedliche gesellschaftliche Schichten voraus. Der Altländer Adel, insbesondere der niedere Adel, der seit der Kolonisation im Alten Land vertreten war, konnte in der Frühen Neuzeit einerseits seine gesellschaftlichen Vorrechte gegenüber den anderen Altländer Bewohnern wahren. Andererseits mussten die Adligen, gemäß ihrem größeren Landbesitz, auch größere Deichabschnitte unterhalten, was immer wieder zu Konflikten zwischen den Adligen und den Deichverbänden, Landesherren und zuständigen Gerichten führte.16 Viele der Quellen aus der Frühen Neuzeit rund um die Instandhaltung der Deiche sind daher Prozessakten, Petitionen und Klageschriften. Weitere deichpflichtige Gesellschaftsschichten mit einer zugewiesenen Deichlast waren der Klerus, die Erbexen oder bäuerlichen Eigentümer, die den umfangreichsten Landbesitz im Alten Land besaßen. Desweiteren gab es Meier und Pächter, die als Bauern Landstücke pachteten. Die „unterste Schicht in der sozialen Hierarchie in der Altländer Gesellschaft“ waren die unterbäuerlichen Schichten mit den Kötnern und Anbauern sowie den Häuerlingen und besitzlosen Tagelöhnern, die im Auftrag der Deichinteressenten Deicharbeit verrichteten, „aber in Deichsachen keine herrschaftlichen Befugnisse“ hatten.17

Neben der für alle Altländer Bewohner verbindlichen Teilnahme am Deichbau und der sogenannten Deichpflicht hielt seit Beginn der Kolonisation ein weiteres wichtiges und allseits bekanntes Thema Einzug in das Bewusstsein der Bewohner des Alten Landes: Der Deichbruch, der durch Beschädigung des Deiches, Sturmfluten und Überschwemmungen entstehen konnte und dessen Folgen die Geschichte der Altländer über 700 Jahre maßgeblich prägte.18 Wegen der vielen Sturmfluten in der Geschichte des Alten Landes verlaufen die Deichlinien bis heute nicht geradlinig, sondern sind immer wieder von ehemaligen Deichbrüchen durch Überschwemmungen und Sturmfluten verändert. Dort, wo der Deich einst brach, entstanden sogenannte Bracks, die bei oberflächlicher Betrachtung wie kleine Seen oder Teiche aussehen, aber tatsächlich tiefe, durch herabstürzendes Wasser entstandene Löcher sind, die nicht wieder zugedeicht werden konnten.19

Weitere praktische Folgen dieser Deichbrüche waren die Beschädigung oder der Verlust von Land und Besitztümern wie z.B. der Verlust des Viehbestandes und der Erntevorräte sowie die Belastung durch die immensen Kosten für den Wiederaufbau der Deiche, die viele Altländer in den finanziellen Ruin trieben. Deichbruch und Überflutungen konnten auch wohlhabende Altländer Bauern von einem Moment zum nächsten in die miserabelsten Lebensumstände führen. Eine Art Hilfsfonds für die Flutopfer seitens der Landesherren gab es bis ins 18. Jahrhundert nicht. Es gab auch viele Anwohner, die infolge eines Deichbruchs ertranken. Meist wurde dieses Unglück auch als Strafgericht Gottes angesehen, was zusätzliches Leid für die Betroffenen mit sich brachte.20

Obwohl die Notwendigkeit des Deichbaus und die damit verbundene Instandhaltung der Deiche jedem Bewohner im Alten Land vor Augen gestanden haben muss, gab es dennoch viele Konflikte über Zuständigkeiten und Verantwortung seitens der Deichinteressenten mit den Obrigkeiten wie den Deichverbänden und Landesherren.

 

Empfohlene Zitierweise:

Blümel, Jonathan (2011): Die Geschichte des Alten Landes bis zum 17. Jahrhundert (Teil II). In: JBSHistoryBlog.de. URL: http://jbshistoryblog.de [Zugriff: DD:MM:YYYY]



Bibliographie:

  1. Siehe Ehrhardt, Michael: „Ein guldten Bandt des Landes“ – Zur Geschichte der Deiche im Alten Land. Stade 2003. S. 39.
  2. Ebenda S. 126.
  3. Vgl. Siemens, Hans Peter: Twielenfleth 1059-1959. Twielenfleth 1959. Nachdruck in Altländer Sparkasse (Hrsg.), Hollern-Twielenfleth. Stade 1984. S. 20.
  4. Siehe Ehrhardt 2003. S. 39.
  5. Ebenda S. 44.
  6. Ebenda S. 39./Ehrhardt, Michael in: Dannenberg, Hans-Eckhard; Fischer, Norbert; Kopitzsch, Franklin (Hrsg.): Land am Fluss – Beiträge zur Regionalgeschichte der Niederelbe. Stade 2006. S. 120.
  7. Vgl. Ehrhardt 2003. S. 121.
  8. Siehe Ehrhardt 2003. S. 153.
  9. Ebenda S. 155.
  10. Siehe Erhardt 2006. S. 124.
  11. Vgl. Ehrhardt 2003. S. 185/S. 408.
  12. Ebenda S. 186.
  13. Ebenda S. 398 – 405.
  14. Ebenda. S. 221.
  15. Vgl. Ehrhardt 2003. S. 338ff.
  16. Vgl. Ehrhardt 2006. S. 128.
  17. Siehe Ehrhardt 2003. S. 187.
  18. Ebenda S. 431f.
  19. Vgl. Ehrhardt 2003. S. 21.
  20. Ebenda S. 432/ Ehrhardt 2006. S. 132f.
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