Posted by: JBluemel in Mittelalter, Ottonen Add comments

Im Mittelpunkt dieser schriftlichen Ausarbeitung soll die Untersuchung der Darstellungsweisen des Herrschers  Heinrich II. in der Vita Meinwerci stehen. Die Herrscherpersönlichkeit war der letzte Vertreter der Herrscherdynastie der Ottonen im ostfränkischen Reich, die, als Nachfolger der sächsischen „Liudolfinger“, ab dem 10. Jahrhundert „Könige und Kaiser sächsischer Herkunft“ hervorbrachte, die mit dem Herrschaftsanspruch regierten, dass „Gott selbst sie […] zur Königsherrschaft und zum Kaisertum berufen hatte“1. Das Großreich der Ottonen bildete sich im 10. Jahrhundert durch die Verschmelzung des Königreichs Lothringen mit dem ehemaligen ostfränkischen Reich und ab 961 mit dem italischen Königreich.

Heutzutage kann man anhand von Untersuchungen über die Herrscherdynastie der Ottonen wichtige Erkenntnisse über die Staatenbildung Europas gewinnen. Ein Großreich wie das der Ottonen hat durch seine Organisation und seine damals vorherrschenden Denkweisen durchaus noch Auswirkungen auf das heutige Europa und ist auch aufgrund seiner vortrefflichen Quellenlage ein aufschlussreicher Forschungsgegenstand. Das Besondere und Neuartige an der Dynastie der Ottonen war unter anderem, dass die bis dahin geltende Form der generationenübergreifenden Herrschaftsübernahme – vom Vater zum Sohn – neu bestimmt werden musste.

In der Quellengattung der Vita befasst man sich wie in allen hagiographischen Schriften „mit dem Leben und Wirken von Heiligen“. Die Art der schriftlichen Quelle war seit der Spätantike bis ins Mittelalter weit verbreitet. Thematisiert wurde in einer Vita vor allem die „Heiligen- und Reliquienverehrung“ und mit der Lebensdarstellung eines Heiligen konnte ein „Ideal des Märtyrers“ geschaffen werden.2

Als Quellenbefund dient für die zu überprüfende Charakterisierung von Heinrich II. die, bereits kurz erwähnte, Vita Meinwerci. Es ist äußerst umstritten, wann genau die Vita Meinwerci entstanden ist.3 Vermutlich wurde sie vom Abt Konrad von Abdinghof (1142-73) in Paderborn verfasst.4 Im Wesentlichen behandelt die Vita das Leben des Bischofs Meinwerk von Paderborn, der in der Hildesheimer Kirche ausgebildet wurde. Darüber hinaus nimmt der Verfasser der Vita eine umfangreiche „Bestandsaufnahme der Rechts- und Besitztitel der Paderborner Kirche“5 vor.

Man ist sich in der aktuellen Forschung6 einig, dass sich die Nachfolgeregelung nach Otto III. äußerst schwierig gestaltete. Auch in der Vita Meinwerci werden für diese Zeit Streitereien verschiedener Anwärter um die Herrschaftsnachfolge und eine Verwirrung im Reich geschildert. In der Thronfolge konnte sich der Bayernherzog Heinrich durchsetzen:

„Es wurde aber durch die Gnade des Allerhöchsten und die Vermittlung des Erzbischofs Wiligis von Mainz Heinrich der Bayernherzog gewählt, der nach Maß weltlichen Besitzes sehr begütert, in gelehrten Studien keineswegs schwach unterwiesen und – was viel bedeutender ist – ein hervorragender Mann in kirchlicher Vollkommenheit war.“7

Die Quelle schildert Heinrichs Königskrönung unter bayrischen und fränkischen Anhängern, die vom Erzbischof Wiligis 10028 in Mainz durchgeführt wurde. Andere wichtige Stationen auf dem Weg zur legitimierten Herrschaft wie in Werla, Merseburg und Aachen werden – außer der in Paderborn – vom Verfasser der Vita verschwiegen. Der nach Knefelkamp und Keller für die Legitimation der Königsherrschaft wichtige „Königsumritt“9 durch „die politisch relevanten Gebiete des Reiches“10 wird in der Vita nur kurz und undeutlich erwähnt: „Als er nun die Gebiete seines Reichs eifrig durchreiste und überall klug anordnete, was ihm notwendig und nützlich erschien […].“11Vermutlich erschien dem Verfasser diese Reise des Königs bis auf die Zeremonien in Mainz und Paderborn nicht erwähnenswert gewesen zu sein.

Davon unabhängig wird Heinrich als ein gebildeter, reicher Mann dargestellt, der durch seine ausgezeichnete Ausbildung an der Hildesheimer Domschule12 „ein besonderes religiöses Verantwortungsbewusstsein“13 entwickelte, welches sich in einer äußerst aktiven Kirchenpolitik zeigte:

„Weil der König aber keine Kinder hatte und nach seiner Meinung auch keine haben würde, mühte er sich beständig um die Mehrung der Kirchen Gottes, und da er vor Sehnsucht nach dem ewigen Leben brannte, verschenkte er mit freigiebiger Hand weltliche Güter um die ewigen [Güter] zu erlangen.“14

Im weiteren Verlauf der Vita wird immer wieder geschildert, wie Heinrich sich den Bischöfen mit den Schenkungen von Ländereien, Immunität und Schutz als äußerst großzügig erwies.15 Außerdem setzte Heinrich Nachfolger für verstorbene Bischöfe ein, wie zum Beispiel in Paderborn:

„Als der König diese traurige Botschaft vernommen hatte, beweinte er diesen so großen Mann mit angemessener Trauer und befahl seine Seele Gott an durch im geschuldeten Gedenken abgehaltene Messen und Armenspeisungen. Daraufhin ließ er die Bischöfe und Fürsten, die in seiner Nähe, zu sich kommen und beriet sich mit ihnen wegen eines geeigneten Nachfolgers an diesem Sitz zu dieser Zeit.“16

Diese Quellenpassage zeigt deutlich die besondere Beziehung von Heinrich zu den Bischöfen, die er meist selbst einsetzte.17 Er beweint als König einen verstorbenen Bischof, berät sich mit Bischöfen und Fürsten über die Nachfolge und ruft „mit gewohnter Liebenswürdigkeit“18 den Bischof Meinwerk herbei, der ihm ein „Herzensfreund“ und ein „beständiger Begleiter“ war.19 Diesen krönte er zum neuen Bischof von Paderborn und unterstützte ihn nach dem späteren Dombrand „mit reich spendender Hand und voller Zuneigung.“20

Als ein weiterer wichtiger Aspekt der Kirchenpolitik wird in der Vita die Gründung des Bamberger Bistums genannt. Bischof Eberhard weihte 1012 den Dom in Bamberg ein,

„dem der König in seiner Demut seine ganz besondere Sorge angedeihen ließ. Der König aber übertrug das den Apostelfürsten Petrus und Paulus und dem vortrefflichsten Märtyrer Georg geweihte Bistum, das er ganz auf seinem Besitz gegründet hatte, indem dessen Gebiete durch rechtmäßigen Wechsel von den umliegenden Bistümern eingetauscht worden waren, nach besonderem Recht der Römischen Kirche, um sowohl dem vornehmen Sitz die schuldige Ehre um Gottes Willen zu erweisen als auch seine Gründung durch solch ein bedeutendes Patrozinium stärker abzusichern.“21

Deutlich wird aus dieser Quelle, welchen Aufwand und welche Mühe Heinrich für das Bamberger Bistum aufwendete. Bamberg wurde mit dem Eigenbesitz des Königs22 und Besitztümern aus Franken und Bayern reich ausgestattet und umliegende Gebiete wurden dem Bistum Bamberg hinzugefügt. Heinrich wünschte sich die Bistumsgründung laut Althoff „um Christus zu seinem Erben zu machen“23. Vermutlich wollte er aber Bamberg zum geistlichen Zentrum des Reiches machen, weil er kinderlos blieb, und weil er, laut Körntgen, durch das Bamberger Bistum sein persönliches Seelenheil und sein „Fortleben im liturgischen Gedenken“24 absichern wollte.

Weiterhin scheint, laut der Vita, die Ostpolitik bzw. der ständige Konflikt mit dem polnischen Herzog Boleslaw Chrobry ein wichtiger Aspekt von Heinrichs Herrschaft gewesen zu sein:

„Der Bischof aber, […] hatte ihn […] gebeten, an der Weihe teilzunehmen; jener aber konnte nicht dabei sein, da er […] mit starker Heeresmacht gegen Boleslaw nach Polen gezogen war. Jenem Boleslaw nämlich war befohlen worden, mit Uldarich, dem Herzog von Böhmen, zum Kaiser nach Merseburg zu kommen. Er wurde aber, da er sich darüber hinwegsetzte und rebellieren wollte, vom Kaiser durch Gottes Barmherzigkeit und durch Unterstützung der Heiligen, denen er sich und das ganze Volk anvertraut hatte, mit all seinen Leuten überwältigt.“25

Boleslaw wollte 1002 in Merseburg, laut Keller, „als fürstlicher Lehnsträger im Reich des Kaisers und zugleich als Herr eines eigenen Großreich jenseits der Grenzen des Imperiums“ behandelt werden.26 Er wollte zudem mit der Mark Meißen belehnt werden und sich Heinrich nicht öffentlich als Vasallenfürst unterwerfen. Laut Körntgen27 berief sich Boleslaw auf die ihm von Otto III. zuteil gewordene Ehre. Laut der Quelle führte Heinrich den erwähnten Überfall in Merseburg selbst aus, wobei Althoff diesen nicht klar Heinrich zuschreibt, sondern nur erwähnt, dass Boleslaw vermutete, das Heinrich der „Anstifter des Überfalls“28 wäre. Daraufhin besetzte Boleslaw Böhmen und verweigerte Heinrich die Lehnshuldigung, woraufhin sich Heinrich mit den heidnischen Luitizen gegen Boleslaw verbündete. Heinrich war zum Handeln gegen Aufstände gezwungen und konnte nicht zusehen, wie Boleslaw die Gebiete des toten Ekkehard von Meißen annektierte.29 Dafür kehrte er sich deutlich von der Ostpolitik seiner Vorgänger ab und nahm auch heftige Auseinandersetzungen mit den sächsischen Fürsten und anderen wichtigen Amtsträgern des Reiches in Kauf. 30

Man kann als Fazit bei der Untersuchung der Vita Meinwerci in Bezug auf die  Darstellung von Heinrich II. feststellen, dass Heinrich vor allem durch seine Verdienste in seiner Kirchenpolitik höchste Anerkennung erhielt. Er hatte eine gute Beziehung zu den Bischöfen, galt als gebildet und religiös und war aber auch konfliktbereit. Heinrich II. hatte komplett andere Vorraussetzungen bei seinem Herrschaftsantritt als Otto III., weil er sich – im Gegensatz zu seinen Vorgängern – mit 29 Jahren die Königsherrschaft erkämpfen musste. 31 Auffällig ist, dass die Schilderungen von Heinrichs Thronfolge in der Vita Meinwerci etwas andere Ergebnisse liefern als die von Althoff, Keller, Körntgen und Knefelkamp ermittelten Überlieferungen. Heinrichs „Königsumritt“ kommt in der Vita Meinwerci zu kurz und erscheint dem Verfasser nicht wichtig gewesen zu sein.

Kurz gesagt: Heinrich II. wird in der Vita Meinwerci als gebildeter und frommer Herrscher dargestellt, der, einerseits als strenger Herrscher in seiner Polenpolitik sehr prinzipientreu und unnachgiebig herrschte, aber andererseits einen besonderen und persönlichen Bezug zur Kirche und den Bischöfen hatte, was sich auch in seinen Wohltaten und seiner Gutmütigkeit zeigte.

 

Empfohlene Zitierweise:

Blümel, Jonathan (2011): Die Darstellungsweise von Heinrich II. in der Vita Meinwerci. In: JBSHistoryBlog.de. URL: http://jbshistoryblog.de [Zugriff: DD:MM:YYYY]

 

Die aufgeführten Bilder sind gemeinfrei und unterliegen keinem Urheberrecht.


Bibliographie:

  1. Vgl. Keller, Hagen: Die Ottonen (Beck’sche Reihe), München 2008. S. 16-17.
  2. Siehe Goetz, Hans-Werner (2006): Proseminar Geschichte: Mittelalter. (UTB Geschichte, 1719) Stuttgart.S. 128-129.
  3. Vgl. Vita Meinwerci, ed. und übers. von Guido Berndt, München 2009 (Mittelalterstudien des Instituts zur Interdisziplinären Erforschung des Mittelalters und seines Nachwirkens 21). S. 20f.
  4. Ebenda S. 28.
  5. Siehe Struve, Tilman: s.v. Vita Meinwerci in: Lexikon des Mittelalters – Stadt (Byzantisches Reich) bis Werl. 8. Band (1997). S. 1759.
  6. Vgl. Körntgen, Ludger: Ottonen und Salier. Darmstadt 2008. S. 46.
  7. Siehe Vita Meinwerci. S. 79.
  8. Vgl. Körntgen. S. 47.
  9. Siehe Knefelkamp. S. 122.
  10. Keller, Hagen: Die Ottonen (Beck’sche Reihe), München 2008. S. 93.
  11. Siehe Vita Meinwerci. S. 81.
  12. Vgl. Knefelkamp. S. 123.
  13. Siehe Körntgen. S. 50.
  14. Siehe Vita Meinwerci. S. 81.
  15. Vgl. Vita Meinwerci. S. 81-83.
  16. Siehe Vita Meinwerci. S. 85.
  17. Vgl. Althoff, Gerd: Die Ottonen. Königsherrschaft ohne Staat (Kohlhammer Urban Taschenbücher Band 437), Stuttgart u.a. 2005. S. 228.
  18. Siehe Vita Meinwerci. S. 85.
  19. Ebenda S. 81.
  20. Ebenda S. 89.
  21. Ebenda S. 97.
  22. Vgl. Vita Meinwerci. S. 103.
  23. Siehe Althoff. S. 215.
  24. Siehe Körntgen. S. 51.
  25. Siehe Vita Meinwerci. S. 109.
  26. Siehe Keller. S. 96.
  27. Vgl. Körntgen. S. 49.
  28. Siehe Althoff. S. 209.
  29. Vgl. Knefelkamp. S. 123.
  30. Vgl. Vita Meinwerci. S. 83.
  31. Vgl. Körntgen. S. 48-49.
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