Posted by: JBluemel in Weimarer Zeit, Zeitgeschichte Add comments

Dem Beginn der Weimarer Zeit waren die Niederlage des Deutschen Kaiserreiches unter Wilhelm II. im Ersten Weltkrieg gegen die Alliierten und das Waffenstillstandsersuchen am 4. Oktober 1918 vorausgegangen. Deutschland war zu diesem Zeitpunkt sowohl in politischen, wirtschaftlichen, sozialen als auch in finanziellen Belangen an einem existenzbedrohenden Tiefpunkt angelangt. Durch den Versailler Vertrag von 1919 verpflichtete sich Deutschland zu Reparationszahlungen an die Alliierten, zur Abtretung von Gebieten und zur Abrüstung des Militärs.

Obwohl die Mehrheit der deutschen Bevölkerung das endgültige Kriegsende herbeisehnte und der Kaiser in die Niederlande geflohen war, wollten einige der hohen Offiziere der militärischen Leitung die politischen Veränderungen zunächst nicht hinnehmen. Die Flotte der Marine sollte im Oktober 1918 zu einem weiteren Gefecht gegen die Engländer ziehen. Die darauffolgende Verweigerung weiterer Kampfhandlungen durch ungefähr 1000 Matrosen in Wilhelmshaven und der Beginn der sogenannten Novemberrevolution 1918 in Kiel machten deutlich, dass die alten Gewalten des Kaiserreiches nur endgültig gestürzt werden konnten, wenn sich die verschiedenen gesellschaftlichen Gruppierungen zusammenschlossen und sich für eine neue politische Verfassung und eine Staatsform einsetzten. In Kiel wurden die meuternden Matrosen durch die Proteste anderer Matrosen und dem damit wachsenden Druck auf die Befehlshaber, freigelassen. Sogleich entstanden in Kiel Soldatenräte, die

mit  ihrer revolutionären Botschaft schnell weitere Stützpunkte und bedeutende Städte erreichten, was zur Folge hatte, dass die bisher regierenden Fürsten und Oberhäupter abdanken mussten und die exekutiven Kräfte des Kaiserreiches wie die Polizei und das Militär kapitulierten. Die revolutionäre Bewegung, die nach Kolb „als spontane Bewegung der kriegsmüden Massen“1 zu begreifen sei, erreichte mit ihren Massenversammlungen, Demonstrationen sowie der Einberufung von Räten, bei der sich breite Bevölkerungsschichten aus Arbeitern, Matrosen und Soldaten zusammenschlossen, schnell die Hauptstadt. Am 9. November 1918 wurde der Kaiser formell abgesetzt und die Gründung der Deutschen Republik vom SPD-Politiker Philipp Scheidemann ausgerufen.2

Scheidemann ruft vom Westbalkon (zweites Fenster nördlich des Portikus) des Reichtagsgebäudes die Republik aus.

Scheidemann ruft 1918 vom Balkon des Reichtagsgebäudes die Republik aus.

Sein Parteifreund Friedrich Ebert wurde in der Ersten Weimarer Nationalversammlung am 11. Februar 1919 zum Reichspräsidenten gewählt.3 In der Nationalversammlung wurde am 31. Juli 1919 die Weimarer Verfassung als Grundlage für eine liberal-demokratische Staatsform und parlamentarische Demokratie verabschiedet. Der von der Versammlung neu eingesetzte „Rat der Volksbeauftragten“ war vor allem durch sozialdemokratische Politiker aus bürgerlichen Parteien besetzt. Trotz Widerstands wurde der durch die Initiative der links-revolutionären Kräfte einberufene „Vollzugsrat“ paritätisch besetzt. Das von den links-revolutionären Kräften geforderte Rätedeutschland, das sich am Sowjetischen Russland orientieren sollte, schreckte viele der Sozialdemokraten und Mitglieder des Bürgertums ab, die sich daraufhin durch die „Drohung von Links“4 politisch weiter nach rechts orientierten. Auch hierbei wurde deutlich, dass eine überaus komplexe Parteienlandschaft Deutschland zerklüftete und gleichzeitig die Bestrebungen behinderte eine längerfristige und mehrheitlich akzeptierte Staatsform zu errichten.

Zu den parteipolitischen Hauptakteuren in der Weimarer Zeit gehörten, neben weiteren kleineren Parteien, vor allem die Arbeiterparteien der SPD, die sozialistische USPD und die kommunistische KPD, die sich aus links-revolutionären Gruppen wie der „Spartakusgruppe“ und der „Gruppe Internationale“ zusammengeschlossen hatte. Zu den eher liberalen Parteien zählte man die DVP, der auch der spätere Reichskanzler Gustav Stresemann angehörte. Weiterhin gab es die Parteien des Klerus wie BVP und Zentrum, die konservativ-rechten Parteien DNVP und DFP sowie die spätere NSDAP, die ebenso wie die meisten links-radikalen Gruppierungen die Nationalversammlung und die Verfassung ablehnte. Diese Parteienlandschaft war wiederum Ausdruck der innergesellschaftlichen Gegensätze, wo die „Vielzahl von politischen, konfessionellen, wirtschaftlichen und regionalen Teilkulturen […] das gesellschaftliche zersplitterte.“5

Seit dem Beginn der Weimarer Republik hatten die führenden Kräfte der Weimarer Koalition gegen zahlreiche Widerstände durch die Aktionen der Links- und Rechtsextremen zu kämpfen, zu denen vermehrt Anhänger aus der SPD überwechselten, weil sie den „Kompromißkurs“ der SPD missbilligten, die „die Kooperation mit den bürgerlichen Parteien und den bürokratischen und militärischen Machteliten“ anstrebte. Das Fundament der Weimarer Republik, das sich aus dem „Zweckbündnis zwischen dem gemäßigten Flügel der Arbeiterbewegung und dem demokratisch gesinnten Teil des Bürgertums“6 zusammensetzte, geriet mehrfach durch schwierige politische und soziale Umstände wie verschiedene Putschversuche, Streiks und Aufstände sowie wirtschaftliche Notlagen wie z.B. die Weltwirtschaftskrise 1929, ins Wanken. Die Rechtsextremen versuchten diese Umstände für sich zu nutzen, indem sie sich der Propagierung des „Schmachfriedens“ sowie der „Dolchstoß-Legende“ bedienten und damit das militärische und politische Versagen des deutschen Kaiserreiches verleugneten. Sie wälzten die Schuld an der Niederlage im Ersten Weltkrieg auf die Weimarer Republik ab, die somit auch die Verursacher der schwierigen Umstände in der Weimarer Zeit wären. Bereits durch den gescheiterten Novemberputsch im Jahre 1923 wurde die NSDAP auffällig, die Adolf Hitler nach seiner Entlassung aus der Haft im Jahr 1925 neu organisieren konnte. Ab 1929/1930 versuchte die früher nur in Bayern agierende Partei die politische und gesellschaftliche Krisensituation inmitten der Weltwirtschaftskrise verstärkt für sich zu nutzen und die Massen für die eigenen nationalsozialistischen Ideologien zu gewinnen.7

Die Weltwirtschaftskrise traf alle Industrienationen hart, Deutschland jedoch in besonderem Maße. Die „Große Depression“ hatte verheerende ökonomische Folgen wie eine langjährige Bankenkrise, Massenarbeitslosigkeit und die Schließung vieler Fabriken zur Folge. Aber auch die psychischen Auswirkungen und eine sich breit machende Katastrophenstimmung setzten der deutschen Bevölkerung zusätzlich zu. Auch 1929/1930 wurde die politische und öffentliche Bühne Deutschlands von heftigen Auseinandersetzungen zwischen den unterschiedlichen politischen Gruppierungen bestimmt. Jegliche Demonstrationen und Versammlungen politischer Gruppierungen unter freiem Himmel waren ab dem 13. Dezember 1928 verboten, um gewaltsame Auseinandersetzungen auf den Straßen zu unterbinden. Bei den sogenannten „Mai-Unruhen“ in Berlin vom 1. bis zum 3. Mai 1929 zeigte sich, wie angespannt die innenpolitische Lage war, so dass die Konflikte zwischen den politischen Kräften mehr und mehr in Gewalt-Exzesse ausarteten. Die Leitung der KPD hatte sich bewusst für eine Mai-Demonstration in Berlin entschieden, obwohl sie wusste, dass das Demonstrationsverbot nicht aufgehoben war. Die Polizei reagierte auf die Demonstrationen und Aufmärsche mit übertriebener Härte gegen die Demonstranten und schlug die Demonstrationen gewaltsam mit „Maschinengewehren und Sperrfeuer“8 nieder. Die Opferzahlen beliefen sich auf ca. 30 getötete Zivilisten – unter ihnen kein einziger KPD-Anhänger – und ein einziger ein Polizist, der sich versehentlich beim Reinigen seiner Waffe selbst erschossen hatte. Weiterhin gab es 200 Verletzte und 1228 festgenommene Demonstranten, von denen „nur 119 kommunistischen Organisationen“9 angehörten.

Kurz vor dem endgültigen Ende der Weimarer Zeit um 1929/1930 zeigte sich deutlich, dass Deutschland zu diesem Zeitpunkt weder gesellschaftlich, wirtschaftlich noch politisch in einer stabilen Verfassung war und dass jegliche weitere politische Auseinandersetzung wie z.B. eine Demonstration das Gesamtgefüge katastrophal zerstören konnte und damit die Sehnsucht vieler, nach einem neuen und konsensfähigen politischen und gesellschaftlichen System in Deutschland, in weite Ferne rückte.

Empfohlene Zitierweise:

Blümel, Jonathan (2011): Einblicke in die Weimarer Zeit. In: JBSHistoryBlog.de. URL: http://jbshistoryblog.de [Zugriff: DD:MM:YYYY]

Die aufgeführten Bilder sind gemeinfrei und unterliegen keinem Urheberrecht.

 

Bibliographie:

  1. Siehe Kolb, Eberhard: Die Weimarer Republik. (Band der 16 der Reihe: Oldenbourg – Grundriss der Geschichte). München 2002. S. 6.
  2. Vgl. Büttner, Ursula: Weimar – Die überforderte Republik 1918-1933. Leistung und Versagen in Staat, Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur. Stuttgart 2007. S. 33-35.
  3. Vgl. Kolb 2002. S. 6ff..
  4. Siehe Kolb 2002. S. 10.
  5. Siehe Kluge, Ulrich: Die Weimarer Republik. (Band 2805 der UTB Reihe). Paderborn u.a. 2006. S. 36.
  6. Siehe Kolb 2002. S. 21-22.
  7. Vgl. Kolb 2002. S. 37ff u. S. 112-13.
  8. Siehe Hoppe, Bert: In Stalins Gefolgschaft: Moskau und die KPD 1928 – 1933. (Band 74 der Reihe: Studien zur Zeitgeschichte). München 2007. S. 143.
  9. Siehe Hoppe 2007. S. 144.
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