Nachdem die Industrialisierung die Gesellschaft grundlegend wirtschaftlich ausgerichtet hatte, traten die ökologischen Auswirkungen menschlichen Handelns erst in den 70er Jahren des 20 Jh. wieder in den Fokus öffentlicher und wissenschaftlicher Diskussionen. Ausgelöst wurde die Debatte u. a. durch den Bericht „Die Grenzen des Wachstums“ des Club of Rome. In diesem Dokument wurde erstmalig  die These aufgestellt, dass wirtschaftliches Wachstum auf Grundlage natürlicher Ressourcen nicht endlich sein könne.1 Andererseits machten die zunehmende Umweltverschmutzung und auftretende Umweltkatastrophen darauf aufmerksam, dass man bewusst mit der Umwelt umgehen muss. Im Rhein musste die Öffentlichkeit Ende der 60er Jahre ein massives Fischsterben beobachten. Bereits in den Jahren zuvor starben Arten wie der Lachs oder die Meeresforelle im Rhein aus, da die ansässigen Industrien Abwässer und Abfälle ungeklärt in den Fluss einleiteten. 1969 führte das eingeleitete Schädlingsbekämpfungsmittel Thiodan schließlich zum Tod von bis zu 40 Mio. Tieren.2 Am 10. Juli 1986 explodierte dann in der norditalienischen Gemeinde Seveso die Chemiefabrik „Icmesa“. Als Folge der Katastrophe wurde das gesamte Gebiet über Jahrzehnte hinweg mit Dioxin kontaminiert.3

Die öffentliche Aufmerksamkeit sorgte dafür, dass man sich auch auf internationaler politischer Ebene mit dem Thema beschäftigte. 1972 veranstaltete die Vereinten Nationen eine Konferenz unter dem Titel „Human Environment“ und gründeten noch im selben Jahr ihr Umweltprogramm UNEP.4 Erste Vorläufer des ökologischen Fußabdrucks – also jener Fläche, die alle Menschen auf der Welt verbrauchen würden, wenn sie einen Lebensstil wie die Bezugsperson führen würden – kamen zu Beginn der 80er Jahre auf. Wissenschaftler erkannten in diesem Zusammenhang, dass der Lebensstil der westlichen Industrienationen die Umwelt so stark beansprucht, dass ihn langfristig nicht die ganze Welt führen könnte.5 Allerdings dauerte es noch ein weiteres Jahrzehnt, bis konkrete Strategien und Konzepte  entwickelt wurden. Ausschlaggebend für diesen Prozess war die Konferenz in Rio de Janeiro: „Leitbild für eine nachhaltige Entwicklung“.6

Abb. 2: Luftverschmutzung durch Fahrzeuge auf einer Autobahn.

Wer die Historie des Nachhaltigkeitsgedankens Revue passieren lässt merkt schnell, dass sie im auslaufenden 20. Jh. vor allem von Konferenzen geprägt war. Neben der Rio-Konferenz ist wohl jene am bekanntesten, die 1997 zum Kyoto-Protokoll führte.
Als „Weltklimakonferenz“ bezeichnet, wurden dort erstmals (bis heute) von 192 Ländern konkrete Ziele zur Einsparung von Kohlenstoffdioxid festgelegt.7 Am Kyoto-Protokoll zeigt sich allerdings auch, weshalb die Umsetzung von nachhaltiger Entwicklung nicht so einfach ist. China wurden im Kyoto-Protokoll keine Emissionsvorgaben gemacht und die USA haben das Protokoll bis heute nicht ratifiziert. Damit sind ausgerecht jene beiden Staaten nicht Teil des Klimaschutzabkommens, die weltweit am meisten Kohlenstoffdioxid ausstoßen.8

Bis heute hat sich Nachhaltigkeit – meistens assoziiert mit der Farbe Grün – zu einer Art Trend entwickelt. Immer mehr Unternehmen greifen die Thematik auf und versuchen ihr Handeln so auszurichten, dass Ressourcen geschont, Energie eingespart und ein Mehrwert für die Gesellschaft geschaffen werden kann. Das Spektrum reicht vom „Greenwashing“ bis zur nachhaltigen Ausrichtung des Kerngeschäfts eines Unternehmens. Moderne Ökonomen sprechen vom  „Corporate Sustainability Management“. Gemeint ist damit, dass Unternehmen durch Produkt- und Dienstleistungsinnovationen einen Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung der Wirtschaft und der Gesellschaft leisten sollen.9 Seit diesem Jahr hat sogar der Deutsche Fußball-Bund eine sogenannte „Nachhaltigkeitskommission“ eingerichtet.10 Auf politischer Ebene steht „Rat für nachhaltige Entwicklung“ der Bundesregierung in Zukunftsfragen beratend zur Seite.11

Auch in der Bevölkerung scheint Nachhaltigkeit angekommen zu sein. Studien im Auftrag des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit fanden heraus, dass der Klimaschutz für gut 20% der Bürger in Deutschland das wichtigste politische Aufgabenfeld darstellt.12 Sogar ein Drittel der Bevölkerung glaubt, dass der Klimaschutz das richtige Mittel ist, um anstehende gesellschaftliche Herausforderungen wie z. B. der Schaffung von Arbeitsplätzen oder der Meisterung von Zukunftsaufgaben zu begegnen.13 Dabei sind die Deutschen auch selbst aktiv. Der Zuwachs des Umsatzes von Fairtrade-Produkten im Jahr 2010 um 27% auf 340 Mio. € 14 beweist, dass viele Bürger durchaus bewusst Konsumieren und so einen Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung leisten wollen. Einem ähnlichen Trend folgt auch die Unterstützung für NGO’s. Während die Parteien in Deutschland unter Mitgliederschwund leiden15, hat Greenpeace Deutschland, mit über 562.000 Unterstützern16, inzwischen mehr Mitglieder als die  SPD oder CDU.

Man könnte meinen, dass wir bei solch einem ausgeprägten Bewusstsein für die Relevanz von Nachhaltigkeit keine Probleme in der Zukunft haben dürften. Katastrophen wie die Ölpest im Golf von Mexiko17, die Anzahl der durch den Menschen Aussterbenden Arten pro Jahr18 (vgl. Weber 2011), die Überfischung der Weltmeere19  und natürlich der andauernde Klimawandel zeigen allerdings auf, dass auch wir uns bald an einem Wendepunkt der Geschichte befinden könnten. Umweltschutzorganisationen sind beispielsweise skeptisch darüber, ob ein effektives Nachfolgeabkommen für das Kyoto-Protokoll getroffen werden kann. Bereits im kommenden Jahr verliert es seine Gültigkeit und bis jetzt ist keine Einigung über zukünftige Vorgaben in Sicht, obwohl es durchaus Bemühungen dazu gibt.20

Ob wir „[die] Decke, die es zu durchstoßen gilt […]“ 21 bewältigen und unsere Probleme lösen oder wie die Römer einst untergehen werden, sollte sich laut Morris in den nächsten Jahrzehnten herausstellen. Status Quo: kein neuer Kolumbus in Sicht.

 

Empfohlene Zitierweise:

Schäfer, Pascal (2011): Zeitenwandel. In: JBSHistoryBlog.de. URL: http://jbshistoryblog.de [Zugriff: DD:MM:YYYY]

 

Abb. 2: Quelle des aufgeführten Bildes: German Wikipedia, original upload 13. Aug 2005 by Zakysant (selfmade 27.01.2005)


Bibliographie:

  1. Vgl. Jörrison 1999. S. 13.
  2. Vgl. Bhf-medien.de (2011): Rhein-Wasserqualität. Die Wasserqualität ist in den letzten Jahren besser geworden, http://www.rheintal.de/der-rhein/daten-zahlen-fakten/wasserqualitaet.html (Zugriff: 12.07.2011).
  3. Vgl. Hilberth, I. (2011): Als die Giftwolke kam. Am 10. Juli 1976 explodierte eine Chemiefabrik und Dioxin verseuchte die Region, http://www.wissen.de/wde/generator/wissen/ressorts/reisen/europa/index,page=3503528.html (Zugriff: 12.07.2011).
  4. Vgl. Jörisson 1999. S. 13.
  5. Ebenda S. 15.
  6. Siehe Jörisson 1999. S. 18.
  7. Vgl. Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (2002): Kyoto-Protokoll zum internationalen Klimaschutz (Protokoll und Gesetz).
  8. Vgl. Verlag Der Tagesspiegel GmbH (2007): Australien ratifiziert Kyoto-Protokoll. http://www.tagesspiegel.de/politik/international/australien-ratifiziert-kyoto-protokoll/1111988.html (Zugriff: 30.06.2011).
  9. Vgl. Schaltegger, S. (2008): From CSR to Corporate Sustainability. forum CSR international, 1/2008, No. 1, 40-41. S. 41.
  10. Siehe Gesellschaft für DFB-Online mbH (2009): Nachhaltigkeitskommission nimmt Arbeit auf. http://www.dfb.de (Zugriff: 18.04.2011).
  11. Siehe Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (2011): Schaltstellen für Nachhaltigkeit. http://www.bundesregierung.de/Webs/Breg/nachhaltigkeit/Content/StatischeSeiten/2011-02-24-schaltstellen-f_C3_BCr-nachhaltigkeit,layoutVariant=Druckansicht.html (Zugriff: 09.07.2011).
  12. Vgl. Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (2010): Umweltbewusstsein in Deutschland 2010. Ergebnisse einer repräsentativen Bevölkerungsumfrage, Berlin:  Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit Referat Öffentlichkeitsarbeit. S. 10.
  13. Ebenda.
  14. Vgl. TransFair (2011): Absatz Fairtrade-Produkte im Einzelnen. http://www.fairtrade-deutschland.de/produkte/absatz-fairtrade-produkte.html (Zugriff: 09.07.2011).
  15. Vgl. FOCUS Online (2011): Mitgliederschwund. CDU hat weniger als 500 000 Mitglieder, http://www.focus.de/politik/weitere-meldungen/mitgliederschwund-cdu-hat-weniger-als-500-000-mitglieder_aid_637130.html (Zugriff: 11.07.2011).
  16. Vgl. Steffens, B. (2010): Fragen & Antworten zu Greenpeace. http://www.greenpeace.de/ueber_uns/nachrichten_ueber_uns/artikel/fragen_antworten_zu_greenpeace-1/ (Zugriff: 11.07.2011).
  17. Vgl. Wolz, Lea (2011): Ölpest im Golf von Mexiko: Auch BP macht die Katastrophe jetzt Angst. http://www.stern.de/wissen/natur/oelpest-im-golf-von-mexiko-auch-bp-macht-die-katastrophe-jetzt-angst-1570261.html (Zugriff: 09.07.2011).
  18. Vgl. Weber, Nina (2011): Massensterben im Blitztempo: Menschheit beschleunigt neue Arten-Apokalypse. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,748618,00.html (Zugriff: 09.07.2011).
  19. Vgl. Rydl, Vladimir (2010): Überfischung der Meere. http://www.planet-wissen.de/natur_technik/meer/ueberfischung/index.jsp (Zugriff: 09.07.2011).
  20. Vgl. Becker, Markus (2011): Ratlos auf dem Petersberg. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,772328,00.html (Zugriff: 09.07.2011).
  21. Siehe Romain 2011.
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2 Responses to “Zeitenwandel (Teil II)”

  1. Päddy Says:

    Ein sehr gut formulierter,ansprechender und spannender Text! Weiter so!;-)Lässt mit Sicherheit auch Leute über Nachhaltigkeit nachdenken, die es sonst vermeiden, sich mit mit diesem Thema auseinander zu setzen. Zum Glück wohne ich in einer Wg, in der ich stets mit den wichtigsten Fakten versorgt werde.^^

    Gruß

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  2. JBluemel Says:

    Lieber Päddy,
    danke für das Feedback. Schön zu hören, dass der Artikel zum NACHdenken über das Thema NACHhaltigkeit anregt. Ich werde das Lob direkt an den Autoren weiterleiten:)

    Beste Grüße

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