Dieser Artikel widmet sich der Frage, in welchem Maße menschliche Eingriffe in vormals natürliche Flusslandschaften positive Auswirkungen aber langfristig auch negative Begleiterscheinungen hervorgerufen haben. Schon im 18. und 19. Jahrhundert fochten deutsche Wasserbauingenieure ihren Kampf um die Umsetzung ihrer Großprojekte und schon zu ihren Lebzeiten hatten sie mit Widerständen zu rechnen. Die Kritik an solchen Baumaßnahmen ist kein ein modernes Phänomen.

So diskutieren Wissenschaftler unterschiedlichster Fachrichtungen auch noch heutzutage über die Vor- und Nachteile eines schon lange umgesetzten Wasserbauprojekts, der so genannten Oberrheinkorrektion, die im 19. Jahrhundert nach den Plänen und durch die Tatkraft des badischen Wasserbauingenieurs Johann Gottfried Tulla1 erfolgte und die den Flusslauf und damit auch die Oberrheinlandschaft nachhaltig veränderte. Der Wunsch aller Kritiker an diesem Großprojekt läuft auf eine Umkehrung der damals begonnen Prozesse hinaus. Horst Tümmers vermerkt hierzu in seinem Buch „Der Rhein. Ein europäischer Fluss und seine Geschichte“: „Die Lage, die ‚vor Tulla’ bestand, die Tulla hatte bessern wollen, sucht den Oberrhein‚ nach Tulla’ wieder heim.“2 Es ist das Ziel dieses Artikels zu überprüfen, ob und inwieweit diese Kritik gerechtfertigt ist.

Erste Schritte einer „Renaturierung“ sind zwar bereits erfolgt, doch die Meinungen differieren bei den Fragen, inwieweit diese Korrektion wieder rückgängig gemacht und welche Folgeerscheinungen mit welchen Mitteln korrigiert werden sollten. Der Artikel beschäftigt sich dennoch nicht nur mit den zahlreichen Kritikpunkten am Werk Tullas, sondern auch mit den sich aus der Oberrheinbegradigung ergebenen Möglichkeiten und Errungenschaften. Sein Großprojekt soll vor dem Hintergrund weiterer Ausbaumaßnahmen und langfristiger Veränderungen der oberrheinischen Kulturlandschaft bewertet werden.

Eine wertvolle Auenlandschaft oder unkultiviertes Sumpfgebiet?

Ein Zitat Friedrich Schillers aus dem Jahre 1801 belegt, dass Deutsche schon in Zeiten vor Tullas Oberrheinkorrektion die Schönheit einer natürlichen Landschaft preisen, wohingegen eine gezähmte, der Natur entrissene Landschaft jedenfalls von Schiller als geistlos und trostlos beschrieben wird:

 Wer verweilt nicht lieber bei der geistreichen Unordnung einer natürlichen Landschaft als bei der geistlosen Regelmäßigkeit eines französischen Gartens? Wer bestaunt nicht lieber den wunderbaren Kampf zwischen Fruchtbarkeit und Zerstörung in Siciliens Fluren, weidet sein Auge nicht lieber an Schottlands wilden Katarakten und Nebelgebirgen […] als dass er in dem schnurgerechten Holland den sauren Sieg der Geduld über das trotzigste der Elemente bewundert?3

 Besonders die Kultivierung der vormals „wildschönen“ holländischen Wasser- und Sumpflandschaften scheint Schiller gestört zu haben. Negative Bemerkungen über menschliche Eingriffe in ein natürliches Ökosystem  lassen sich also schon Jahrzehnte vor der Begradigung des südlichen Rheins feststellen. Aber die unberührte Schönheit ihrer Rheinniederungen kann nicht das Hauptanliegen der Oberrheinbewohner des 19. Jahrhunderts gewesen sein.

Die Oberrheinniederungen vor der Flusskorrektion

Der Rhein Bis zur Bändigung durch Tulla floss der Oberrhein nicht durch ein einziges, festgelegtes Bett.4 Der südliche Teil der Oberrheinebene, der Abschnitt von Basel bis nach Straßburg, bildete aufgrund seiner mehrfachen Gabelung und des verästelten Flusslaufs eine Furkationszone.5 Ein Hauptarm des Flusses ist nicht zu erkennen.6  Hier grub sich der Fluss unzählige Rinnen, die durch Kies- und Sandbänke voneinander abgetrennt waren. 7 Ein Zyklus von Hoch- und Niedrigwasser schuf in Jahrtausenden ein Labyrinth von Wasserarmen und bewaldeten Inseln. 8 Insgesamt befanden sich im heutigen badischen Rheinabschnitt 2200 Inseln, die große Mehrheit zwischen Basel und Straßburg.9 Der Rhein des frühen 19. Jahrhunderts erinnert Blackbourn beim Betrachten des zeitgenössischen Gemäldes von Peter Birmann „Blick vom Isteiner Klotz rheinaufwärts gegen Basel“ an „eine Serie von Lagunen, eine ausgedehnte, verwirrende Wasserlandschaft“.10

Zwischen Straßburg und Karlsruhe ging die Furkationszone des Oberrheins langsam in eine Mäanderzone über, in der der Fluss sich in großen Schlingen und Schleifen gemächlich durch seine Ebene wand.11 „Er floss hier (zwischen Karlsruhe und Speyer) wie ein einziger Strom, doch immer noch nicht in einem einzigen Bett.“12  Sein Hauptbett wurde von beiden Seiten von den Windungen früherer Hauptrinnen flankiert, den so genannten Altwassern oder Altrheinarmen.13 Blackbourn erinnert dieses Panorama an das „wilde Haupt der Medusa“.14 An manchen Stellen und zu manchen Zeiten erstreckte sich das Flusstal in einer Breite von bis zu 40 Kilometern.15

Das Oberrheingebiet war vor den Eingriffen im 19. Jahrhundert in seinen Flussniederungen eine feuchte Auenlandschaft. 16  Diese Auen wurden periodisch überschwemmt, waren aber erfüllt von einer Vielfalt an Pflanzen- und Tierarten. 17 Die Auen wiesen Wasser-, Wald- und Sumpfgebiete auf, in denen üppig wuchernde Schlinggewächse, etliche Baumsorten, eine reiche Vogelwelt und großer Fischreichtum das Bild bestimmten.18 „Zur Besiedelung taugte das Gebiert der Rheinniederungen, der periodischen, weiträumigen Überschwemmungen wegen, (eigentlich) wenig.“19Tümmers führt kritisch an, dass der Mensch den Lebensbedingungen an den Flussniederungen eigentlich nicht gewachsen ist und trockene Standorte besiedeln sollte.20 „Solange er sich diesen Gesetzen fügte (bis zur Verwirklichung von Tullas Rheinkorrektion), blieb die Natur im Gleichgewicht und beschenkte ihn mit ihrem Reichtum“.21 Aber der vom Rheinschlick bedeckte Boden ist sehr fruchtbar, und sein Fischreichtum und sein reiches Schwemmland verlockte Menschen immer wieder dazu diesen Landstreifen zu besiedeln.22 Besonders im Hochmittelalter kam es zu einer zunehmenden Besiedlung der  Rheinauen.23 Die Bevölkerungszahlen stiegen, die Siedlungsdichte nahm zu und Rodungen verschafften zusätzliches Kulturland.24 Aus kleineren Hauen- und Straßendörfern entwickelten sich Mittel- und Kleinstädte wie Breisach und Neuenburg, die sich in unmittelbarer Nähe zum Fluss befanden.25 Bedeutende mittelalterliche Städte wie Basel, Straßburg, Speyer, Worms oder Mainz liegen  am Oberrhein.26 Das oberrheinische Tiefland profitierte von seiner günstigen Lage inmitten der großen Handelsströme des Hoch- und Spätmittelalters.27 Rheinschiffer, Fuhrleute sowie die aufstrebenden Handelsstädte waren die großen Gewinner dieser Entwicklungen.28

 

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Empfohlene Zitierweise:

Dembek, Christoph (2012): Wilde Flusslandschaft oder wertvolle Kulturlandschaft? Über die Begradigung des Oberrheins (I). In: JBSHistoryBlog.de. URL: http://jbshistoryblog.de [Zugriff: DD:MM:YYYY]

 

Nachweis:

Bildquelle: Die Karte wurde erstellt von Daniel Ullrich (Threedots) und ist auf Wikipedia zu finden.

Bibliographie:

  1. Geboren 1770 in der kleinen Markgrafschaft Baden- Durlach. Studierte Mathematik, Trigonometrie und Geometrie in Karlsruhe mit praktischen Grundlagen in Mechanik, „Feldmesskunst“ und Zeichnen von Baurissen. Studierte auch Wasserbau und Hydrologie. Reiste viel, u.a nach Hamburg und Skandinavien um sich im Auftrage Badens Wissen über Wasserbauprojekte (Schleusen, Uferbefestigungen, Pumpenanlagen) anzueignen. Zudem war er noch im „Mekka aller künftiger Wasserbauingenieure“, der Niederlande. 1797 wurde er zum markgräflichen Ingenieur ernannt, zuständig für Wasserbauten am Rhein. Ab 1803 Oberingenieur; ein Jahr später war er für den gesamten Flussbau in Baden zuständig. „Bändiger des wilden Rheins“. Gestorben 1828 in Paris. Siehe hierzu: Blackbourn, David: Die Eroberung der Natur. Eine Geschichte der deutschen Landschaft, München 2006, S. 105-115.
  2. Tümmers, Horst Johannes: Der Rhein. Ein europäischer Fluss und seine Geschichte, München 1994, S. 158.
  3. Schiller, Friedrich: Kleinere prosaische Schriften von Schiller. Aus mehreren Zeitschriften vom Verfasser selbst gesammelt und verbessert, 3. Teil, Leipzig 1801, S. 27.
  4. Vgl. Blackbourn, David: Die Eroberung der Natur. Eine Geschichte der deutschen Landschaft, München 2006. S. 100.
  5. Vgl. Blackbourn, David: Die Eroberung der Natur. Eine Geschichte der deutschen Landschaft, München 2006. S. 100.
  6. Vgl. Blackbourn, David: Die Eroberung der Natur. Eine Geschichte der deutschen Landschaft, München 2006. S. 100.
  7. Vgl. Blackbourn, David: Die Eroberung der Natur. Eine Geschichte der deutschen Landschaft, München 2006. S. 100.
  8. Vgl. Blackbourn, David: Die Eroberung der Natur. Eine Geschichte der deutschen Landschaft, München 2006. S. 100.
  9. Vgl. Coch, Thomas: Einführung in den Naturraum. Zur Frage primärer Trockenstandorte in der Wildstromaue des südlichen Oberrheingebietes, in: Vom Wildstrom zur Trockenaue. Natur und Geschichte der Flusslandschaft am südlichen Oberrhein, hrsg. von der Landesanstalt für Umweltschutz Baden Württemberg, Ubstadt-Weiher 2000, S. 26.
  10. Siehe Blackbourn, David: Die Eroberung der Natur. Eine Geschichte der deutschen Landschaft, München 2006. S. 100.
  11. Vgl. Schenker; Andre: Naturraum und Auenökologie: Naturräumliche Gegebenheiten am Oberrhein, in: Die Auen am Oberrhein. Ausmaß und Perspektiven des Landschaftswandels am südlichen und mittleren Oberrhein seit 1800, hrsg. von Werner A. Galluser und Andre Schenker, Basel/ Boston/Berlin 1992, S. 5.
  12. Siehe Blackbourn: Die Eroberung der Natur, S. 100.
  13. Vgl. Blackbourn: Die Eroberung der Natur, S. 100-101.
  14. Siehe Blackbourn: Die Eroberung der Natur, S. 100-101.
  15. Ebd. S. 101.
  16. Vgl. Tümmers: Der Rhein, S. 140.
  17. Ebd. S. 140-141.
  18. Ebd. S. 141.
  19. Ebd. S. 139.
  20. Vgl. Tümmers: Der Rhein, S. 155-156.
  21. Vgl. Tümmers: Der Rhein, S. 155-156.
  22. Ebd. S. 139-141.
  23. Vgl. Schwabe, Erich: Mensch und Oberrhein. Besiedlungsgeschichte, in: Die Auen am Oberrhein. Ausmaß und Perspektiven des Landschaftswandels am südlichen und mittleren Oberrhein seit 1800, hrsg. von Werner A. Galluser und Andre Schenker, Basel/ Boston/Berlin 1992, S. 43.
  24. Vgl. Schwabe: Mensch und Oberrhein. Besiedlungsgeschichte, S. 43.
  25. Ebd. S. 43 u. S. 46.
  26. Ebd. S. 43.
  27. Ebd. S. 46.
  28. Ebd. S. 46.
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