Posted by: JBluemel in Deutscher Orden, Mittelalter Add comments

Die Heroisierung und die religiösen Aspekte der Kriegsführung

Vor diesem Ereignis berichtet der Chronist im Kapitel 58 von einer Notlage der Brüder in Preußen, die beklagten, dass sie zwei Jahre viel untereinander gestritten hätten und allezeit den Preußen in Kämpfen unterlegen gewesen wären und befürchteten, dass Gott auf sie zornig wäre und er sich mit seiner Gnade von ihnen abgewandt hätte: „Dorumme schregin sy yinnielich zcu gote, daz her en hulfe sente. Unszer hirre horte yr gebethe, und sante yn czweyer hirren mut, von Marche und von Julich. Dy quamen ken Prusen mit groszer Macht.“1 Für die Beschreibung der göttlichen Hilfe und von Gott gegebene Stärke im Kampf finden sich mehrere Beispiele in der Chronik. Im Zusammenhang mit der mittelalterlichen Kreuzzugsidee war die Verquickung von Militär und Religion für Kreuzzugsfahrer und insbesondere für die geistlichen Ritterorden geradezu notwendig. Im Sinne des durch Gott und die Kirche legitimierten Glaubenskampfes sollten „alle militärischen Aktivitäten bei der Verwirklichung der Gottesmission auf Erden“2 eingesetzt werden. Wie in diesem Kapitel der Chronik deutlich wird, wurden  Missgeschick im Kampf oder Niederlagen als Zeichen für den möglichen Verlust der Gunst Gottes gedeutet.

Ein weiterer Aspekt der Religiosität ist im Kapitel 53 der Chronik aufgeführt, in dem die Himmelsfahrt der im Kampfe gefallenen Brüder geschildert wird: In einem Kloster sah die Schwester des Hochmeisters Konrad von Feuchtwangens in einer Vision den Tod einiger Ordensbrüder: „Sy sach yn eynem gesichte, wy dy brudyr mit eren luten streten wedyr dy hediin und wurdin alle von den heidin gevelt. Och sach sy dy engel gotis dy czelen vuren zcu hymmelrich.“3 Außerdem wird im Kapitel 68 davon berichtet, dass auf einem Schlachtfeld, auf dem die Prußen und Ordensbrüder kämpften, sich ein Einsiedler niederließ und bei Nacht sah, wie „vil kerczin burnen uf dem velde, do dy cristin lagin yrslayn. Daz waz yo eyn czeichin, daz dy zelen, dy durch got hy ledin peyn, dort von ym yr lon mit dem martyrer entphangin han.“4 Auch hier wird das Kriegswesen mit religiösen Elementen verknüpft. Die gefallenen Brüder werden zu Märtyrern erhoben und ihrem Tod wird eine übernatürliche Sinnhaftigkeit zugesprochen, die mit einer Heroisierung ihrer Taten im Krieg einhergeht. Die hier beispielhaft vorgestellten Passagen der Chronik verdeutlichen, welch einflussreiche Komponente die Religiosität  (2. Thematische Gruppe: Heroisierung/ Religiöse Aspekte der Kriegsführung) bei den Feldzügen des Deutschen Ordens gespielt haben muss.

Wie eng aber Religiosität mit der Heroisierung von kämpfenden Ordensbrüdern einhergeht, zeigt ebenfalls das Kapitel 53, in dem die Nonne in einer zweiten Vision sieht, wie ein gottesfürchtiger Pruße zu seinem Gesinde sagt: „ Ey seth yr nicht, wy gar menlich dy brudyr unszer hirren streiten kegin dy heidin? Seth, wy dy Prusen und Liflendyr  von en  vliehen, und dy brudyr mit wenig getruwer man sten yn groszer noth! O we, leydyr ich sehe, daz man sy alle dyrncdyr sleth tod. Ich sehe och Marien, dy muter gotis, sschon ere czelen uf zcu hymmel vuren.“5 Deutlich wird in dieser Passage, wie wichtig es war, den gefallenen Ordensbrüdern in der Öffentlichkeit eine Funktion zuzuweisen und ihre Himmelsfahrt oder gar ihre Erhebung zu Märtyrern literarisch aufzugreifen. Die sogenannte göttliche Mission war mit großen persönlichen Opfern verbunden, bis hin zu Menschen die ihr Leben für die Mission ließen. Diese Opfer wurden jedoch erst durch die Verheißung der Seligkeit und des erlangten Märtyrertums sinnvoll.

Untersucht man die Chronik auf treffende Beispiele für die Heroisierung der kämpfenden Ordensbrüder, so wird man wie im zuvor erwähnten Kapitel 53 auf Beschreibungen wie z.B. „männliche“ Verteidigung oder „männlichen“ Kampf treffen.6  Man kann annehmen, dass mit der Heroisierung der gefallenen und aber auch der überlebenden Ordensbrüder der Nachwelt die Tapferkeit und „Männlichkeit“ der Kämpfenden vor Augen geführt werden sollte. Deutlich wird diese Heroisierung auch, wenn bei der Beschreibung von Kampfhandlungen einzelne Ordensbrüder und ihre Taten besonders hervorgehoben werden. So wurden im Kapitel 121 die Ordensbrüder vom Komptur von Ragnith, Konrad von Stange, durch eine Rede „männlich“ getröstet und ermuntert, trotz ihrer Unterlegenheit,  die litauische Burg Junygede anzugreifen: „Got hat ufte dy seneym awsz noten irlust, dy em getrawen. Wir sein alle umb senen willen herkomen, das wir dy heiden zcum globen wellen brengen, addir sie vortilgen; dorumb lasse wir unser vorchte seny, und getrawen em gantcz. […] Czu hant sprengten sy an dy viude und slugen ir anc czal dirtedir, das ander teil quam fluchtig von dannen.“7 In der Chronik werden auch zahlreiche Beispiele genannt, wonach der Ausgang eines Kampfes nur durch die Tapferkeit und das Geschick eines einzelnen Ordensbruders entschieden wurde. So werden auch in dem Bericht von Kapitel  99 und 100 ausdrücklich die Tapferkeit des Bruder Merten von Golyn mit seinen Führungsqualitäten sowie sein Geschick im Kampf gerühmt. Bezeichnend ist aber auch der Anfang des Kapitels 99, der verdeutlicht, dass ganz bewusst heroische Erzählungen für die Nachwelt in literarischer Form bewahrt wurden: „Wunderliche abentewre sint vor jaren gescheen den cristen strutern. Der was eyner Marten von Golyn, der ander Conrad Tewfel, Stöbemel der dritte, Kudar der virde, Nakaym der fünfte. Disze helden haben bey iren czeiten vele menlicher taten begangen, das ich ir aller nicht beschreben kann.“8 Allgemein erscheint der Grund für die Aufnahme der heroischen Erzählungen in die Chronik recht simpel: Die Kriegsführung des Deutschen Ordens im Baltikum wurde von den Taten und Geschicken einzelner kämpfender Ordensbrüder bestimmt. Doch natürlich wurde die Kriegsführung des Deutschen Ordens auch durch das Missgeschick Einzelner bestimmt. So lassen sich kontrastierend zu den heroischen Darstellungen der Chronik und der erfolgreichen Verteidigung einer Burganlage in der Chronik auch Gegenbeispiele finden: Im Kapitel 57 ist die Rede davon, dass „dy brudyr zcu Resel hortin, daz dy drey burge [Braunsberg, Christburg und Königsberg]warn belegin, sy yrschrakyn sere und suchtin machin rath, waz en zcu thun were daz beste. Zcu letczt vorbrantin sy dy burg und entwichin weg durch dy wiltnys.“9 Dass die Beschreibung des Aufgebens und Verbrennens der Burg sowie die Darstellung der Ordensbrüder von Reszel als erschrocken, ratsuchend und flüchtend vor den Feinden in die Erzählungen der Chronik eingegangen sind, liefert zur Charakterisierung des Chronisten als einem mitunter auch kritischen Betrachter des Ordens einen wichtigen Beitrag.

Fazit

Abschließend ist festzuhalten, dass die Art und Weise der Kriegsführung des Deutschen Ordens sowie die bei den Kampfhandlungen verfolgten Zielsetzungen sich anhand des vorliegenden Quellenmaterials problemlos charakterisieren lassen. Die ausgewählten Passagen aus der Chronik lassen sich zudem mithilfe der Fachliteratur in den historischen Kontext einordnen. Zudem können anhand der Ergebnisse der Quellenuntersuchung die Motive des Chronisten näher betrachtet werden, der einerseits heroische Erzählungen wiedergibt, aber auch mit deutlich erkennbarer Absicht ordenskritische Bemerkungen macht und Niederlagen und Momente des Versagens der Ordensbrüder mit in seine Erzählungen einbezieht.

Mit der Kenntnis des im Artikel Die Kriegsführung des Deutschen Ordens im Baltikum erarbeiteten historischen Kontextes ist zunächst festzustellen, dass die ausgewählten repräsentativen Beispiele aus der Chronik in ihrem Inhalt und der geschichtlichen Wirklichkeit, die sie transportieren, als durchaus repräsentativ für die Geschehnisse im Baltikum vom 12.-15. Jhr. gelten können. Die ausgewählten Passagen aus der Chronik lassen sich zudem mithilfe der Fachliteratur in den historischen Kontext einordnen. Zudem können anhand der Ergebnisse der Quellenuntersuchung die Motive des Chronisten näher betrachtet werden, der einerseits heroische Erzählungen wiedergibt, aber auch mit deutlich erkennbarer Absicht ordenskritische Bemerkungen macht und Niederlagen und Momente des Versagens der Ordensbrüder mit in seine Erzählungen einbezieht.

Die Erzählweise der Chronik ist zumeist sehr knapp gehalten, was manch wissenswerte Hintergründe und Details im Dunkeln lässt. Die Chronik erscheint dem heutigen Leser wie ein überblicksartiges Werk, das seine gute Lesbarkeit durch die Kürze der Beschreibung der einzelnen Begebenheiten erhält.

Der Charakter der Kriegsführung des Deutschen Ordens im Baltikum ist laut der Chronik so zu beschreiben: Der Schauplatz vieler Kampfhandlungen waren die Burgbefestigungen, die als strategisch wichtige Stützpunkte, häufiges Angriffsziel des Ordens, aber auch seiner Gegner waren. Die Art der Kriegsführung ist mit der hinlänglich bekannten Strategie der „Verbrannten Erde“ zu beschreiben, die in den Darstellungen der Chronik durch die zahlreichen heroischen und religiösen Erzählungen mitunter glorifiziert wird. Um letztendlich die Oberherrschaft über die baltischen Regionen zu erlangen und die Christianisierung der heidnischen Völker zu bewirken, schien der Deutsche Orden, laut den Darstellungen der Chronik, bei seiner Kriegsführung die Zielsetzung zu verfolgen, den Gegner nachhaltig seiner Ressourcen, Infrastruktur und seiner religiösen Gebräuche zu berauben.

 

Empfohlene Zitierweise: Blümel, Jonathan (2012): Die Kriegsführung des Deutschen Ordens in der Älteren Hochmeisterchronik (II). In: JBSHistoryBlog.de. URL: http://jbshistoryblog.de [Zugriff: DD:MM:YYYY]

 


Bibliographie:

  1. Siehe Hirsch, Theodor / Töppen, Max / Strehlke, Ernst: Scriptores rerum Prussicarum : die Geschichtsquellen der preussischen Vorzeit bis zum Untergange der Ordensherrschaft. Band 3. Leipzig 1866. S. 564
  2. Siehe Kwiatkowski, Stefan: Der Deutsche Orden im Streit mit Polen-Litauen. Eine theologische Kontroverse über Krieg und Frieden auf dem Konzil von Konstanz (1414-1418). Stuttgart 2000. S. 27.
  3. Siehe Hirsch / Töppen / Strehlke 1866. S. 562.
  4. Siehe Hirsch / Töppen / Strehlke 1866. S. 568.
  5. Siehe Hirsch / Töppen / Strehlke 1866. S. 563.
  6. Vgl. Hirsch / Töppen / Strehlke 1866. S. 563. Kapitel 55 „Do wedyr wertin sich dy geste mit den brudirn menlich, sundirlich eyn rittyr her Schenkel von Byntheym aus Westvalerland, der durch reit mit seyme sper der vinde heer, daz ym der Prusyn zcu beydin seyten vil tod blebin, und do her sich umme wante und mittene yn daz heer quam, do wart der gotis rittyr och yrslayn.“
  7. Siehe Hirsch / Töppen / Strehlke 1866. S. 583.
  8. Siehe Hirsch / Töppen / Strehlke 1866. S. 577.
  9. Siehe Hirsch / Töppen / Strehlke 1866. S. 564.
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